27.05.2008, Abendblatt
Arbeitsmarkt Kritik an Statistik
Arbeitslosenzahl schöngerechnet?
Kurz vor Bekanntgabe der neuen Erwerbslosenzahlen hat das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) der Politik statistische Tricks vorgeworfen. "Da wird in der Tat an der Statistikschraube gedreht", sagte IAB-Direktor Joachim Möller der "Süddeutschen Zeitung".
München - „Unter der Großen Koalition fallen künftig Langzeitarbeitslose über 58 Jahre aus der Arbeitslosenstatistik, wenn ihnen nicht innerhalb eines Jahres ein konkretes Jobangebot gemacht werden kann.“
Das könne er nicht nachvollziehen, sagte der Chef des zur Bundesagentur für Arbeit gehörenden Instituts. Die BA legt am Donnerstag in Nürnberg die Arbeitslosenzahlen für den Monat Mai vor.
Es gebe in Deutschland „gut fünf Millionen Menschen, die gerne arbeiten würden“, sagte Möller. Neben der offiziellen Erwerbslosenzahl von 3,4 Millionen gebe es etwa 625 000 Menschen, die nicht arbeitslos gemeldet seien, aber gerne arbeiten würden - die sogenannte stille Reserve - sowie eine Million Menschen in arbeitsmarktspolitischen Maßnahmen.
Bei diesen müssten aber auch andere als die ökonomischen Wirkungen berücksichtigt werden. So stärke es das Selbstwertgefühl eines Arbeitslosen, wenn er in einer Kinderkrippe mithelfe. Das habe einen gesellschaftlichen Wert, argumentierte Möller. „Möglicherweise hätten wir in Ostdeutschland nach der Wiedervereinigung ohne aktive Arbeitsmarktpolitik sogar soziale Unruhen gehabt.“
Es habe immer wieder Versuche gegeben, die Arbeitslosigkeit kleinzurechnen. „Das finde ich sehr bedenklich“, sagte der IAB-Direktor. „Unter der Bundesregierung von Helmut Kohl wurde beispielsweise entschieden, dass 58-Jährige Arbeitslosengeld bekommen, ohne für die Arbeitsvermittlung zur Verfügung zu stehen - und ohne bei der monatlich verkündeten Arbeitslosenzahl mitgezählt zu werden.“
Für dieses Jahr rechne er mit „3,4 Millionen, vielleicht sogar etwas weniger Arbeitslosen“. Die deutsche Wirtschaft sei robust.
ap
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