23.04.2008, Abendblatt
Chinas Umwelt Jährlich 178 000 Tote durch Luftverschmutzung
Dicke Luft in den Mega-Städten
Das Reich der Mitte ist ökologisch ein rückständiges Entwicklungsland. Doch zaghaft regt sich Widerstand.
Von Angelika Hillmer
Die Ankunft an Pekings neuem Flughafen-Terminal 3 verschlägt einem den Atem:
Die größte Halle der Welt, entworfen vom britischen Stararchitekten Lord Norman Foster, ist Chinas neues Aushängeschild. Ebenfalls Atem raubend ist auch die Luft, die die Gäste aus aller Welt außerhalb des Flughafenpalasts empfängt.
Trotz großer Anstrengungen, bis zum Beginn der Olympischen Spiele am 8. August in der 15-Millionen-Metropole für einen klaren Himmel zu sorgen, ist die Sonne an vielen Tagen nur durch einen Dunstschleier aus Industrie- und Autoabgasen zu sehen.
Seit Jahren wird das Riesenreich zerrissen zwischen Wirtschaftsboom und Rückständigkeit. Die Umwelt wurde dabei bereits so stark geschädigt, dass sich die Zentralregierung inzwischen bemüht, die offensichtlichen Gesundheitsrisiken für die Bevölkerung einzudämmen.
Der Terminal am Hauptstadtflughafen mit 330 Check-In-Schaltern, einem 68 Kilometer langen Gepäckbeförderungssystem der Firma Siemens (es kann pro Stunde fast 20 000 Koffer transportieren) und einer Bahn, die die Passagiere von der Ankunftshalle zur zwei Kilometer entfernten Gepäckausgabe befördert, steht für die Dimension, in der Wirtschaft und Technologie im Riesenreich wachsen.
Doch China sei nach wie vor ein Entwicklungsland, betont Yu Xiaoxuan vom Pekinger Organisationskomitee der Olympischen Spiele (Bocog).
Der Direktor für Umweltfragen hat recht: Das Milliardenvolk hat noch viel Potenzial, die wirtschaftliche Entwicklung ist längst nicht ausgereizt.
Westliche Werte wie Menschenrechte, Medienfreiheit und freie Meinungsäußerung rangieren bei den meisten Chinesen weit hinter dem Ziel, den eigenen bescheidenen Wohlstand allmählich zu mehren.
Chinas wirtschaftlicher Aufstieg geschah oft auf Kosten von rechtlosen Arbeitern und immer auf Kosten der Umwelt.
16 der weltweit 20 Städte mit der schlechtesten Luft liegen in China, etwa zwei Drittel der Flüsse haben eine Wasserqualität, die weder zur Trinkwassergewinnung noch zum Baden taugt.
Und je nach Berechnung hatte China bereits im Jahr 2006 oder 2007 die USA beim Kohlendioxid-Ausstoß überflügelt - oder wird es spätestens in diesem Jahr tun.
Bislang gingen Experten davon aus, dass das Reich der Mitte erst zum Jahr 2020 der Klimasünder Nummer eins werden wird, doch das Wirtschaftswachstum hat alle Prognosen pulverisiert, Umwelt- und Klimaschutzmaßnahmen laufen der Entwicklung hinterher.
"Gerade bei der Luftqualität brauchen wir noch große Fortschritte", räumt Yu Xiaoxuan ein und schaut aus dem 13. Stockwerk seines Pekinger Büros in die dunstige Stadtluft.
"Heute ist es diesig, auch aufgrund der Verschmutzung. In Peking hatten wir im Jahr 2000 an 48 Prozent aller Tage unseren Luftqualitätsstandard für Städte erfüllt, im vergangenen Jahr immerhin an 66 Prozent der Tage.
Aber dieses Niveau bedeutet noch keine gute Luft." Etwa 30 Prozent aller chinesischen Städte schaffen diesen Qualitätsstandard nicht.
Das heißt, die Luft ist dort so stark verschmutzt, dass empfindliche Personen mit Gesundheitsschäden rechnen müssen, wenn sie im Freien Sport treiben.
Bei einem grünen Tee aus dem Pappbecher mit Olympia-Logo zählt Yu Xiaoxuan der kleinen Schar deutscher Journalisten die bereits unternommenen Anstrengungen auf:
"Wir haben in Peking Kohleöfen durch Gasboiler ersetzt, in den vergangenen vier Jahren mehr als 100 Fabriken geschlossen, umgesiedelt oder deren Produktion umgestellt, und wir führen jetzt für Pkw die Abgasnorm Euro 4 ein, vier Jahre später als Europa."
Mehr als 120 Milliarden Yuan (11, 3 Milliarden Euro) sind in den vergangenen acht Jahren in Umweltmaßnahmen der Stadt geflossen, hauptsächlich zur Verbesserung der Luft.
Aber auch hier machte das Wirtschaftswachstum viele Bemühungen zunichte. So stieg die Zahl der in Peking zugelassenen Fahrzeuge innerhalb von zehn Jahren von 1,4 auf 3,1 Millionen.
Inzwischen umkreist ein fünfter Autobahnring die Stadt, mehrstöckige Autobahnkreuze verknüpfen die Verkehrsströme. Im Gegensatz zu Schanghai, wo die Anzahl der neu zugelassenen Fahrzeuge beschränkt ist, wächst der Pkw-Verkehr in Peking ungezügelt.
Nach Angaben des chinesischen Gesundheitsministeriums sterben jährlich 178 000 Menschen durch städtische Luftverschmutzung, weitere 350 000 werden dadurch krank.
China ist der weltgrößte Emittent von Schwefeldioxid; ein Drittel der Landfläche ist durch sauren Regen geschädigt. Nicht besser ist die Situation bei der Trinkwasserversorgung: 90 Prozent der nicht allzu tiefen Grundwasseradern der größten Städte sind verschmutzt.
Die von Umweltverschmutzung betroffenen Menschen halten nicht mehr still. Nach offiziellen Regierungsstatistiken steigt die Zahl der Beschwerden bei Umweltverwaltungen jährlich um 30 Prozent; im Jahr 2004 waren es mehr als 600 000.
Gleichzeitig habe das Umweltbewusstsein in der Bevölkerung zugenommen, so Yu: "Die Leute tun sich zusammen, um Bäume zu pflanzen, hängen Nistkästen für Vögel auf."
Vom Staat ist weit mehr gefragt.
Allein die Wasser- und Luftverschmutzungen verursachen nach Angaben der Weltbank Schäden in Höhe von 4,3 Prozent des Bruttoinlandsprodukts. Inzwischen reagierte die Regierung, der elfte Fünfjahresplan (2006 bis 2010) enthält erstmals klare Umweltziele.
So soll der Ausstoß der wichtigsten Luftschadstoffe - trotz alljährlichem Wirtschaftswachstum von gut neun Prozent - innerhalb der fünf Jahre um zehn Prozent sinken.
"Vor drei, vier Jahren hat die Zentralregierung gemerkt, dass sie es sich nicht leisten kann, die dringenden Umweltprobleme zu ignorieren und hat sehr gute Gesetze gemacht", lobt Choy So Yuk.
Sie ist seit Januar Abgeordnete des chinesischen Parlaments und schon viel länger Vorsitzende des Umweltausschusses im Hongkonger Parlament.
Als linientreue Öko-Frau trifft sie nach eigenen Angaben in Peking auf offene Ohren, räumt aber freimütig ein, dass es bei der Umsetzung der zentral erlassenen Vorgaben oft hapert - China sei halt sehr groß.
Die engagierte Umweltpolitikerin mit Wohnsitz in Hongkong kennt sowohl den Kommunismus als auch die Demokratie der ehemaligen britischen Kronkolonie.
Für die Buddhistin rangiert Umweltschutz vor persönlicher Freiheit: "Hongkong ist eine kommerzialisierte Gesellschaft. Hier ist es unmöglich, Umweltnormen gegen die Interessen der Unternehmen durchzusetzen.
In einem totalitären Staat wie China ist das viel einfacher, wenn die Regierung die Notwendigkeit für Umweltschutz sieht." Und die ist nicht mehr zu übersehen.
copyright © 2004 www.leinenlos.org Donnerstag, 20.November 2008