15.04.2008 - „Sieg von Menschen über menschliche Bestialität".

15.04.2008, WELT
Warschauer Ghetto
"Die Aufständischen kämpften einzig um die Ehre"

Rund 65 Jahre nach dem Aufstand im Warschauer Ghetto haben die Präsidenten Polens und Israels, Lech Kaczynski und Schimon Peres, der Kämpfer und Opfer der größten jüdischen Erhebung im Zweiten Weltkrieg gedacht.

Peres bezeichnete den Kampf als einen „Sieg von Menschen über menschliche Bestialität".

Das Warschauer Ghetto wurde 1940 von den Nationalsozialisten errichtet. Es sollte den Wohnbezirk von polnischen und europäischen Juden abgrenzen. Das Warschauer Ghetto war das bei weitem größte Sammellager seiner Art.

Um die Flucht der Bewohner zu verhindern, wurde es von der Außenwelt durch eine drei Meter hohe und 18 km lange Mauer abgeriegelt.

In einer eindringlichen Feier gedachten die Staatspräsidenten Polens und Israels den Aufständischen des Warschauer Ghettos vor 65 Jahren.

Die Feier solle ein Beweis für das Gedächtnis der Polen auch zwei Generationen nach dem Holocausts sein, sagte Lech Kaczynski, der seine Ansprache in Form einer kleinen Geschichtsstunde hielt.

„Was haben die furchtbaren Nazis den Generationen hinterlassen, die folgten?“, fragte Schimon Peres und antworte, „nur Schande, Fluch und Verdammung“.

Die Feierlichkeiten zum 65. Jahrestag hatten mit einem gemeinsamen Besuch beider Präsidenten im ehemaligen KZ Treblinka am Montagabend begonnen, wo die meisten Bewohner des Warschauer Ghettos ermordet worden waren.

Der 85-jährige Peres, von Haus aus selbst ein polnischer Jude, weilt vier ganze Tage für die Feierlichkeiten in Polen. Diese waren aus religiösen Gründen um ein paar Tage vorgezogen worden, so dass dadurch weder der Sabbat noch das anstehende Pessachfest berührt werden.

Der Ghettoaufstand in Warschau begann am 19.April 1943, nachdem die Deutschen die endgültige Liquidierung des Ghettos begonnen hatten. Mitglieder zweier Untergrundverbände, der Jüdischen Kampforganisation (ZOB) und des Jüdischen Soldatenbundes (ZZW), hatten den Aufstand seit Sommer 1942 vorbereitet.

Die zahlenmäßig weit unterlegenen und kaum bewaffneten Aufständischen leisteten den deutschen Besatzungstruppen mehr als drei Wochen lang erbitterten Widerstand.

Dabei konnten sie auf vereinzelte Unterstützungsaktionen der polnischen Untergrundverbände außerhalb des Ghettos zählen.

„Die Aufständischen kämpften nicht um den Sieg, sondern einzig um die Ehre“, sagte Lech Kaczynski, der während der Feierlichkeiten oft einen zerstreuten Eindruck hinterließ, in einer selten klaren Rede.

„Wir verbeugen uns vor ihnen!“ Obwohl solche Ereignisse heute nicht mehr möglich schienen, müsse man „aufmerksam bleiben“, forderte Kaczynski.

Schimon Peres bezeichnete den Warschauer Ghettoaufstand als einen „Sieg von Menschen über menschliche Bestialität“. Natürlich trachteten die Israelis gegenüber dem Faschismus nach Rache, sagte Peres.

„Doch unsere Rache ist das Kibbuz, das moderne Israel“, sagte der Mitbegründer des Kibbuz „Alumot“. Die Rache bestehe auch darin, dass Israel in den 60 Jahren seines Bestehens alle Angriffe habe abwehren können.

„Die Friedenssehnsucht nach Vernichtung und Krieg ist die Rache der Söhne des Lichts über die Söhne der Dunkelheit“, gab sich der Friedensnobelpreisträger überzeugt.

Nach einer Reihe von Zwischenfällen und Missgeschicken wurde vor allem Kaczynskis Rede in ersten polnischen Kommentaren sehr positiv bewertet.

Lech Kaczynski hatte sich zwar bereits in der Regierungszeit seines Zwillingsbruders Jaroslaw um die polnisch-jüdische Versöhnung bemüht und war selbst im Gegensatz zu seinem Bruder nie in die Sendestudios des antisemitischen Radio Maryja gepilgert.

Dennoch unterstützte er fast zwei Jahre lang eine rechtsextreme Regierungskoalition, die offenen mit Antisemiten paktierte. Dennoch gelang es den Kaczynskis, die traditionell guten polnisch-israelischen Beziehungen zu erhalten.

Das gute bilaterale Verhältnis gestärkt hat auch eine Erklärung von Regierungschef Donald Tusk vergangene Woche in Jerusalem. Tusk versprach, seine Regierung werde vor Jahresende ein Restitutionsgesetz einbringen, indem die teilweise Rückgabe unter kommunistischer Herrschaft enteigneter Immobilien geregelt werde.

Polen könne 15 bis 20 Prozent des heutigen Werts zurückerstatten, kündigte Tusk an.

Das Gesetz gelte für alle Betroffenen, unabhängig von ihrer Nationalität. Dem widersprach allerdings am Montag der mit der Ausarbeitung des Gesetzes beauftragte Vizeschatzminister Hubert Laszkiewicz.

Von dem Gesetz würden Deutsche ausgenommen, bestätigte er gegenüber der polnischen Tageszeitung „Dziennik“.

Als Grund gibt das Warschauer Schatzministerium Dekrete von 1944/45 sowie ein komplexes Gesetzesbündel rund um das Potsdamer Abkommen an, das immer noch in Kraft sei.

www.leinenlos.org - gegen generellen Leinenzwang copyright © 2004 www.leinenlos.org Donnerstag, 20.November 2008