11.04.200, WELT
Soziales Projekt-Tiertafel
Von Stephanie Schersch
Soziales Projekt Große Hundefreuden an der Tiertafel Los geht es erst in einer halben Stunde. Aber vor dem weißen Haus in der Billrothstraße 157 haben sich schon jetzt viele Leute eingefunden.
Man kennt sich. Kein Wunder, denn hier trifft man sich jeden Mittwochnachmittag und steht gemeinsam für Futtermittel an Hamburgs bisher einzigen Tiertafel an.
Mittlerweile erstreckt sich die Schlange schon über den ganzen Gehweg, drinnen laufen die Vorbereitungen auf Hochtouren. In den vier kleinen Kellerräumen stapeln sich Kisten und Kartons, gefüllt mir Hundefutter, Katzenstreu und Vogelnahrung, alles Spenden aus dem Handel und von Privatpersonen.
Mehrere Paletten werden zurechtgerückt und hinter den kleinen Tresen verfrachtet. Wenn es gleich losgeht, soll alles reibungslos verlaufen. „An manchen Tagen kommen bis zu 400 Leute zu uns“, sagt Bettina Elze, Leiterin der Tiertafel Hamburg.
„Heute werden es aber sicher nicht ganz so viele sein, zu Beginn des Monats ist immer weniger los“, fügt sie hinzu und klingt beinahe ein wenig erleichtert. Große Nachfrage bei Hartz-IV-Empfängern
Von den bisher zwölf Tiertafeln in Deutschland erlebt Hamburg mit Abstand den größten Ansturm. Vor allem Hartz-IV-Empfänger, aber auch Rentner und Obdachlose kommen zu der wöchentlichen Ausgabe. Wie viel hier abgegeben wird, ist streng geregelt:
vier Becher Trockenfutter und Dosennahrung für den Hund, etwas Heu und eine Ration Nagerfutter für das Meerschweinchen. „Wir müssen das so festlegen, sonst reicht es am Ende nicht für alle“, erklärt Elze. Auf besondere Bedürfnisse ist man aber vorbereitet.
Spezielle Leckereien für die nierenkranke Katze, Diätfutter für den alternden Hund – da wird auf jedes Bedürfnis eingegangen. Auch in medizinischen Fragen versucht man beratend zur Seite zu stehen. Schließlich wird die Tür geöffnet, und die engen Räume füllen sich.
„Ein Hund und zwei Katzen“, gibt eine füllige Dame um die 40 an. Wie alle muss auch sie zuvor ihren Namen nennen, denn verteilt wird nur an Mitglieder einer angelegten „Kundenkartei“.
Wer sich anmelden möchte, muss zunächst einen Nachweis über das Tier und die eigene Bedürftigkeit vorlegen. Wie jede Woche ist auch Sven Mirow gekommen. Obwohl er einen festen Job hat, kann sich der Vater von zwei Kindern die Haustiere mittlerweile nicht mehr leisten.
„Es ist wirklich gut, dass es so etwas wie die Tiertafel gibt“, sagt er und erntet dafür zustimmendes Kopfnicken der Umstehenden. „Für mich bedeutet das eine Ersparnis von knapp 60 Euro im Monat.“
Wie sich diese Kosten decken ließen, bevor die Tiertafel im September des letzten Jahres geöffnet hat, weiß er auch nicht mehr so recht. „Wir haben versucht, an allen anderen Enden zu sparen, was eigentlich gar nicht mehr möglich war“, sagt er und zuckt mit den Achseln.
Knapp 500 Kilo Futtermittel sind über die Theke gewandert Vorne am Tresen steht jetzt Susanne Reiche, eine Dreiviertelstunde musste sie warten. Auch sie würde ohne die Tiertafel nicht über die Runden kommen.
Ihren Hund und ihre Katze müsste sie abgeben, wenn sie diese Unterstützung nicht hätte. „Wenn es so weit kommt, dass ich meine Tiere verliere, dann würde ich mich umbringen“, sagt sie bestimmt. Die seien schließlich alles, was sie noch habe, nachdem sie vor einiger Zeit arbeitslos geworden sei.
Genau diese Fälle sind es, die Bettina Elze und ihren zehn ehrenamtlichen Mitarbeitern besonders am Herzen liegen.
„Wir möchten verhindern, dass Menschen, die beispielsweise ihren Job verlieren, nun auch noch ihre Tiere aufgeben müssen, die häufig ihr einziger Bezugspunkt sind“, sagt Elze.
Denn mit der finanziellen komme häufig auch die soziale Verarmung. Von den „Kunden“ der Tafel bekommt sie sehr viel Dankbarkeit entgegengebracht. „Die sichern hier das Überleben meiner Hunde“, sagt ein 23-Jähriger, der lieber anonym bleiben möchte.
Wie vielen in der Schlange ist es ihm etwas unangenehm, an der Tafel anstehen zu müssen. Natürlich reiche die Ration nicht für eine ganze Woche. Aber schließlich sei es ja auch nicht Aufgabe der Tafel, die Tiere durchzubringen.
Genau das ist auch Credo der Mitarbeiter. „Wir wollen den Leuten nicht die Verantwortung für ihre Tiere abnehmen, sondern nur eine Unterstützung leisten“, betont Mitbegründer Stephan Lehmann
Langsam wird es ruhiger in den Kellerräumen. Die letzen Schmackos werden verteilt, und gegen 19 Uhr wird die schwere Tür geschlossen. In den vergangenen dreieinhalb Stunden sind hier knapp 500 Kilo Futtermittel über die Theke gewandert.
Und dann gab es da noch eine ganz besondere Spende zu verteilen: einen riesengroßen Rinderknochen, knappe 30 Zentimeter lang. Der ging heute an den Liebling der Tafelmitarbeiter, Mischlingsrüde Tyson, der meist gegen Ende der Ausgabe mit Herrchen vorbeikommt.
Hunde haben ja bekanntlich ein gutes Gedächtnis – und ganz sicher wird Tyson hier nächsten Mittwoch wieder in der Schlange stehen.
copyright © 2004 www.leinenlos.org Donnerstag, 20.November 2008