12.04.2008 - Stalking-Opfer: Urvertrauen in Menschen ist weg

12.04.2008, Abendblatt
Prozess Stalker Peter R. hat sein Opfer fast getötet - Jetzt sagte es aus "Mein Urvertrauen ist verschwunden"

Der Gutachter sagt, der Täter sei eine Gefahr, und empfiehlt, ihn in die Psychiatrie einzuweisen. Urteil am 19. April.

Von Ralf Nehmzow

Der Stalker, der Andrea A. (Name von der Redaktion geändert) das Leben jahrelang zur Hölle machte, sie am 9. Oktober 2007 vor ihrer Wohnung attackierte und ihr mit sieben Messerstichen in den Bauch fast das Leben nahm - er schaut sie nicht an, als sie aussagt, im Zeugenstand von ihrem Peiniger spricht. Es ist ihr Ex-Patient, der beinahe ihr Mörder wurde.

Am Anfang, sagt die Krankengymnastin und Physiotherapeutin, die im Prozess gegen Peter R. (48) auch Nebenklägerin ist, sei es ein netter normaler Kontakt gewesen. "Ich habe ihn behandelt wie andere auch, natürlich rein beruflich."

Im Oktober 2002, sie hatte gerade ihr Examen gemacht, kam Peter R. mit Rückenproblemen. Ihr erster Patient. Er blieb bis November 2002. "Er hat sich mit einem Blumenstrauß verabschiedet." Immer wieder aber laufen sie sich fortan über den Weg. "Mir kam das alles zufällig vor", sagt die Frau, die in einer festen Beziehung lebt.

Sie denkt sich nichts dabei. Bis Ostern 2003, als Pralinen kommen. Und eine Karte. Darauf steht: "Rücken okay, Herz kaputt." Doch im Laufe der Jahre wird der arbeitslose Fernsehtechniker fordernder. Mal ruft er an.

Steht vor ihrem Balkon. Oder wartet vor der Praxis und ruft ihr zu, dass er sie liebe und dass sie ihn nicht mehr loswerde, niemals. Einmal sind die Reifen des Firmenwagens aufgeschlitzt. Die Frau erwirkt 2005 eine gerichtliche Verfügung gegen den Angeklagten, der sich ihr nun nicht mehr nähern darf. "Danach war bestimmt länger als ein Jahr Ruhe. Ich habe gedacht, dass es eigentlich vorbei ist."

Doch das Martyrium geht wieder los. Vor einem Gebüsch vor der Praxis macht der Stalker Fotos, die für ihn in seinem kranken Wahn beweisen sollen, dass die junge Frau "als Edelhure arbeitet".

Im Sommer 2007 flieht sie vor ihm in ihr Auto - und erlebt, wie er am Beifahrer-Fenster rüttelt und schreit, "dass er mich und meinen Freund umbringen will". Kurz vor der Tat: Vor dem Fenster der Praxis macht er eine eindeutige Geste: "Eine Handbewegung, als wolle er jemandem die Kehle durchschneiden."

Am Tag der Tat lauert er ihr wieder mal vor ihrer Wohnung auf. Sie ruft vom Handy die Polizei. Als die Beamten eintreffen, hat er schon zugestochen. Andrea A. überlebt: Hauptschlagader durchstochen, Leberdurchstich, schwere Augenverletzung. Von der Tat, sagt sie gefasst, wisse sie nichts mehr.

Der Gutachter sagt, dass der Angeklagte schwer psychisch krank sei, an einer wahnhaften Störung leide. Es sei nicht auszuschließen, dass er schuldunfähig ist. Peter R. sei für die Allgemeinheit gefährlich, neue Taten seien zu befürchten. Er empfiehlt, den Stalker in der geschlossenen Psychiatrie unterzubringen.

Andrea A.? Einen Monat war sie im Krankenhaus, einen Monat in der Reha, immer noch muss sie zu Ärzten. Körperliche Schäden werden wohl bleiben, doch die junge Frau wirkt sehr optimistisch. Ab Juli hofft die 29-Jährige, wieder voll arbeiten zu können. Ihr Urvertrauen in die Menschen, "das ist weg."

Das Urteil wird für den 18. April erwartet.

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