26.03.2008, ZEIT
Bäumchen wechsle dich
Der frühere Grünen-Finanzexperte Oswald Metzger ist zur CDU übergetreten.
Auch andere Politiker haben schon die Partei gewechselt - oder sollten es tun. Eine Empfehlungsliste Von Kai Biermann
Otto Schily – Der Extremist
Der frühere Bundesinnenminister ist ein Wanderer zwischen den Welten. Der Sohn eines Essener Hüttendirektors, bekennende Anthroposoph und Mitbegründer der Toscana-Fraktion verteidigte einst RAF-Terroristen.
Später gehörte er zu den Gründungsvätern der Grünen und war ein Star der jungen Partei. Bald jedoch wurde der Anzugträger den Alternativen zu besserwisserisch und autoritär.
Als er 1989 aus dem Bundestag rotieren sollte, wechselte er zur SPD. Dort musste Schily zwar eine Weile auf der Reservebank schmoren.
Doch als Minister für Sicherheit, Recht und Ordnung in der rot-grünen Regierung stieg er nicht nur zum wichtigen rechten Flügelmann auf, sondern war auch der wenigen Minister, die Gerhard Schröder ernst nahm.
Der Große Lauschangriff und die "Otto-Kataloge" mit scharfen Sicherheitsgesetzen nach dem 11. September 2001 bleiben mit Schilys Namen verbunden.
Inzwischen möchte die SPD davon aber nicht mehr viel wissen. Deshalb wäre es nur konsequent, wenn Schily weiterwechseln würde: zur CSU.
Mit dem heutigen bayerischen Ministerpräsidenten Günther Beckstein hat er sich schon bestens verstanden, als der noch Innenminister in München war. Da käme zusammen, was zusammengehört.
Oskar Lafontaine – Der Rächer
Fast sein ganzes politisches Leben lang war Lafontaine in der SPD.
Er war für sie Oberbürgermeister, Ministerpräsident, Kanzlerkandidat, Parteichef und lange Zeit einfach das Idol.
Heute ist er der schlimmste Feind.
Seinen Namen zu nennen, verbietet sich, für SPD-Mitglieder ist er nur noch der Du-weißt-schon-wer.
Denn Lafontaine ging nicht allein aus Überzeugung zur WASG und vereinigte diese mit der PDS zur Linkspartei. Er will auch Rache.
Weil sich Gerhard Schröder, dem er 1998 den Vortritt gelassen hatte, weigerte, als Kanzler seinen linken Vorstellungen zu folgen, hatte Lafontaine 1999 hingeschmissen.
Da ihn das bald reute, versucht er nun, mit seinem neuen Laden von außen Druck auf seine alte Partei auszuüben, um die wieder auf seinen Kurs zu führen.
Dass sein Plan offenbar aufgeht und die Linke dank seiner Hilfe SPD-Wähler und Mitglieder abwirbt, macht die alten Genossen nur noch fuchsiger.
Doch wirklich glücklich ist die Linke auch nicht mit ihrem Chef.
Falls der Widerstand dort stärker wird, könnte Lafontaine noch einmal in ein anderes Lager wechseln.
Seine Äußerungen gegen Folterverbot und Fremdarbeiter oder für Immigranten-Sammellager in Nordafrika würden auch gut zur NPD passen.
Gabriele Pauli – Die Rebellin
Pauli war 30 Jahre lang Mitglied der CSU, bevor sie jetzt vor der Männerriege entnervt kapitulierte.
Dabei wollte sie den Laden voller Spezln, Baatzis und Bierdimpfls nur ein bisschen reformieren.
Doch so einfach geht das nicht.
Die alten Herren waren zwar sehr dankbar für ihre Kampagne gegen Edmund Stoiber, denn sie hatten ihn schon lange beseitigen wollen.
Andere Ideen der Fürther Landrätin jedoch fanden sie schlicht absurd wie etwa den Vorschlag einer Sieben-Jahres-Ehe auf Probe.
Nun sucht Pauli eine neue Heimat.
Vielleicht können ihr ja die Grünen helfen.
Die hatten noch nie ein Problem mit starken Frauen mit seltsamen Ideen. Auch an Latexhandschuhen stört sich dort niemand.
Allenfalls daran, wie Pauli ihren Parteiaustritt vermarktete.
3000 Euro hat sie sich dafür angeblich von der Hochglanz-Klatschpostille Vanity Fair bezahlen lassen.
Gerhard Schröder – Der Pragmatiker
Auto- und Brioni-Kanzler wurde er genannt, als er noch amtierte – so viel tat Schröder für die Unternehmen.
Folgerichtig trat er nach der Abwahl in die Dienste des russischen Konzerns Gazprom und anderer Firmen.
Dass er die SPD mit seiner Agenda 2010 und den Sozialreformen auf neoliberale Pfade geführt hat, wird ihm die Wirtschaft auch nicht vergessen.
Bei den Sozialdemokraten kann Schröder nicht mehr viel werden.
Dabei ist er erst 63 Jahre alt.
Die FDP jedoch würde ihn sicher gerne aufnehmen.
Schon 1998 wollte er lieber mit ihr koalieren als mit den Grünen.
Und auch seine Außenpolitik hat den Liberalen sicher immer gefallen.
Sein Eintreten für handfeste deutsche Handelsinteressen und der pragmatische Umgang mit Potentaten wie Wladimir Putin war reinster Genscherismus.
Aufgaben im Bundestag könnte ihm die FDP zwar nicht bieten, dafür aber vielleicht die Chance, seine Karriere mit der höchsten Ehre zu beenden, dem Amt des Bundespräsidenten.
In einer schwarz-gelben Regierungskoalition nach 2009 hätte die FDP durchaus die Chance, einen Kandidaten vorzuschlagen;
Schröders Popularität wäre dabei sicher nützlich.
Allerdings müsste er dann alle Posten in der Wirtschaft abgeben.
Heiner Geißler – Der Alters-Radikale
Geißler ist so etwas wie der umgekehrte Schily.
Er ist katholisch, war Mitglied im Jesuitenorden, bevor er es sich anders überlegte, erst Philosophie und dann Jura studierte und Karriere in der CDU machte.
Dort brachte er es bis zum Generalsekretär und Sozialminister unter Helmut Kohl.
Noch in den achtziger Jahren galt er als scharfer Hund und wurde von Willy Brandt als der „schlimmste Hetzer seit Goebbels“ bezeichnet.
Mit zunehmendem Alter hat er sich jedoch in die andere Richtung radikalisiert.
Er wirft seiner Partei vor, einseitig Wirtschaftsinteressen zu vertreten; er lehnt den Kapitalismus ab und übt scharfe Kritik an der Globalisierung.
Mit 77 Jahren trat er dem linken Netzwerk Attac bei.
Konsequenterweise sollte er sich auch parteipolitisch eine neue Heimat suchen. Geißler gehört längst zu den Grünen, wenn nicht zur Linkspartei.
Oswald Metzger – Der Unternehmer
Viele Sozialhilfe-Empfänger sähen „ihren Lebenssinn darin, Kohlehydrate oder Alkohol in sich hineinzustopfen, vor dem Fernseher zu sitzen und das Gleiche den eigenen Kindern angedeihen zu lassen“, sagt Oswald Metzger, und viele Grüne konnten gar nicht glauben, dass so einer einer von ihnen war.
Ihm ging es irgendwann ähnlich.
Deswegen war es nur folgerichtig, dass Metzger im Herbst bei den Grünen aus und nun der CDU beitrat.
In der Union hätte auch niemand etwas gegen sein Engagement bei der Arbeitgeber-PR-Truppe namens Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft.
Im Gegenteil: So viel Wirtschaftskompetenz ist dort sehr willkommen. Dass er sich einst für die Fristenlösung bei Abtreibungen einsetzte und ihm das Bischöfliche Konvikt in Ehingen dafür ein Stipendium strich, ist heute sicher längst vergessen.
Genau wie seine Vergangenheit bei der SPD. Dort hatte er zwar einst mit der Politik angefangen, aber das war sicher auch nur ein Irrtum.
Ulrich Maurer – Der Unentschlossene
Maurer ist Katholik und war lange in der SPD.
Dort stand er eine Weile der Friedensbewegung nahe und opponierte gegen Helmut Schmidt und den Nato-Doppelbeschluss.
Dann wieder kümmerte er sich um Sicherheitspolitik und fiel eher durch konservative Ansichten auf.
Anschließend machte er Sozialpolitik und fand, Gerhard Schröder habe sozialdemokratische Grundwerte verraten.
Schließlich trat er zur WASG über und zog für die Linkspartei in den Bundestag ein.
Seine Schwenks wirken, als suche er nach Orientierung und Halt.
Er beklagt den Verlust von Werten und findet, dass Gläubige gemeinsam mit den Linken (die allerdings zuerst ihren militanten Atheismus ablegen müssten) gegen die Weltherrschaft des Kapitals kämpfen sollten.
Maurer ist ein Entwurzelter auf der Suche nach Gemeinschaft.
Fazit: Beobachten!
Sabine Leutheusser-Schnarrenberger – Die Unbeirrbare
Nicht die ehemalige Bundesjustizministerin ist es, die sich geändert hat, sondern ihr politisches Umfeld.
Die bayerische Liberale ist eine der letzten aufrechten Kämpferinnen für Bürger- und Freiheitsrechte in der FDP.
Dort wirkt sie aber seit Langem wie ein Anachronismus und deshalb reichlich deplatziert.
Die heutige Ansammlung von Spaßpolitikern und regierungspostenhungrigen Richtungsjongleuren unter dem Alt-Jungliberalen Guido Westerwelle hat das rechtsstaatsliberale Erbe längst preisgegeben.
Die Dame mit dem langen Namen hat schon einmal konsequent gehandelt, als sie aus Protest gegen den Großen Lauschangriff ihr Ministeramt in der Regierung Kohl aufgab.
Sie sollte sich weiter treu bleiben und zu den Grünen gehen, die heute für die Bürgerrechte kämpfen.
Wenn sie das nicht möchte, könnte sie Hildegard Hamm-Brücher folgen - und wenigstens aus der FDP austreten.
Friedrich Merz – Der Humankapitalist
Der Mann ist Anwalt, sitzt in einem Dutzend Aufsichtsräten, setzt sich für Bürokratieabbau und ein simples Steuerrecht ein und ist damit bei der Union voll gegen die Wand gelaufen.
So frustriert ist der Sauerländer inzwischen, dass er wegen „parteiinterner Differenzen“ vor allem mit Angela Merkel bei der kommenden Wahl nicht mehr kandidieren will.
Ein Jammer.
Soll allein die Wirtschaft seine brachliegende Talente ausbeuten dürfen?
Nein, es ist Zeit, dass ein Headhunter von der FDP ihn abwirbt und wieder mit einem robusten Mandat ausstattet.
Immerhin ist Merz einer der profiliertesten und bekanntesten Wirtschaftsliberalen und weiß noch dazu seine knackigen konservativen Leitideen rhetorisch gekonnt zu verkaufen.
Was ist schon ein müdes „Projekt 18“ gegen seine Bierdeckelsteuer?
So einen könnte die FDP gut gebrauchen. Mit dem Wechsel hätte er sicher kein Problem.
Der Titel eines seiner Bücher ist da geradezu programmatisch: „Nur wer sich ändert, wird bestehen.“
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