07.01.2008, Abendblatt
Appell Annemarie Dose kritisiert wachsende Versorgungsmentalität und Missbrauch
Tafel-Gründerin: Manche nutzen uns aus
Auch Eidelstedter Diakon übt Kritik: "Es geht nicht, dass Eltern auf dem Sofa bleiben und ihre Kinder zum Essen in Hilfseinrichtungen schicken."
Von Friederike Ulrich
In der Obdachloseneinrichtung Alimaus am Nobistor bekommen
Immer häufiger würden sich bedürftige Menschen lieber mit ihrer Situation abfinden, als dagegen anzugehen.
Das gelte besonders für Eltern.
"Die verlassen sich zunehmend darauf, dass ihre Kinder tagsüber in entsprechenden Einrichtungen mit Essen und Zuwendung versorgt werden, und tun selber gar nichts mehr."
Um das Bewusstsein dieser Eltern zu verändern, bietet die Hamburger Tafel seit einem Jahr in zehn Hamburger Einrichtungen Kochkurse an. Hier sollen Frauen nicht nur lernen, wie man kostengünstig gesund kochen kann, sondern auch den Stellenwert einer gemeinsamen Mahlzeit erfahren.
"Es ist doch traurig, dass viele Kinder nie mit ihren Eltern an einem Tisch sitzen", sagt Annemarie Dose. "Weder zum Essen noch zum Reden."
Dass es Menschen gibt, die die Hilfsbereitschaft anderer ausnutzen, hat auch er schon beobachtet - es würden durchaus Kleidung oder Lebensmittel weiterverkauft, die man sich in Hilfseinrichtungen beschafft habe, aber eigentlich nicht benötige - der Erlös würde dann häufig zum Kauf von Alkohol verwendet.
Die Hamburger Tafel hat in den vergangenen Jahren einen Boom erlebt: Wurden in der Anfangszeit etwa zwei Tonnen gespendeter Lebensmittel monatlich ausgeliefert, waren es zehn Jahre später bereits 61 Tonnen - heute werden pro Monat durchschnittlich 185 Tonnen zu rund 90 sozialen Einrichtungen in Hamburg gebracht und versorgen dort pro Tag etwa 3500 Menschen.
"Die meisten unserer Besucher sind gutmütige Menschen in einer bedauernswerten Situation", sagt Diakon Henry Kirsche.
Doch etwa zehn Prozent von ihnen nutzten das Angebot der Alimaus aus - sie kämen, ohne hilfsbedürftig zu sein, äßen sich satt und nähmen Lebensmittel und Kleidung mit, um sie hinterher zu verkaufen.
"Aber das nehmen wir in Kauf", so Kirsche. "Denn die anderen, die sind wirklich auf unsere Hilfe angewiesen."
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