07.10.2006, WELT
Biologie - Wau - So wurde der Wolf zum Hund
Ob Lassie, Snoopy oder Streuner - keine Tierart versteht den Menschen so gut wie der Hund. Kein Wunder, denn Canis familiaris ist seine erste Kulturleistung.
Von Eckhard Fuhr
Biologie
Wau - So wurde der Wolf zum Hund
Ob Lassie, Snoopy oder Streuner - keine Tierart versteht den Menschen so gut wie der Hund. Kein Wunder, denn Canis familiaris ist seine erste Kulturleistung.
Von Eckhard Fuhr
Nach Angaben des Industrieverbandes Heimtierbedarf geben die Deutschen im Jahr rund eine Milliarde Euro für Hundefutter aus. Bei geschätzten fünf Millionen Hunden sind das 200 Euro pro Schnauze. In 13,3 Prozent aller deutschen Haushalte lebt mindestens ein Hund. Im europäischen Vergleich ist das wenig. In Frankreich beträgt der Anteil der Haushalte mit Hund 40, in Belgien 37 Prozent. Hunde gehören zum menschlichen Alltag.
Der Ärger, den das enge Zusammenleben von Menschen und Hunden vor allem in den Großstädten verursacht, ist ebenso ein ständiges Thema der Medien wie die emotionale Innigkeit, die sich im Verhältnis von Homo sapiens und Canis familiaris immer wieder zeigt. Es gibt kein Haustier, welches die Menschen so sehr als "Artgenossen" betrachten wie den Hund.
Und als Verbündeten. Schon die Väter der modernen Biologie hatten eine Ahnung davon. Vor 270 Jahren schrieb der Graf von Buffon, Direktor des Königlichen Botanischen Gartens in Paris, mit dem Hund habe sich der Mensch "eine Partei unter den Tieren gesichert". Die "erste Kunst" des Menschen "war also die Abrichtung des Hundes; die glückliche Folge dieser Kunst aber war die Eroberung und der ruhige Besitz des ganzen Erdbodens".
Wie und wann aber kamen Mensch und Hund zusammen. Und wo kam der Hund her? Dass es dabei mit dem Wolf eine besondere Bewandtnis haben müsse, ahnten die Alten, wollten am Ende aber doch nicht glauben, dass vom Schoßhund bis zum Bullenbeißer die ganze schwanzwedelnde Gesellschaft nur auf ihn zurückgeht.
Jetzt belegt: Urvater Wolf
Buffon nahm als Stammvater einen nun ausgestorbenen "Urhund" an. Zu unterschiedlich erschienen ihm die Charaktere von Hund und Wolf. Allerdings kamen ihm nach Kreuzungsversuchen Zweifel. Er erkannte, dass die beiden einer "Gattung und Art" angehören mussten. Ende des 18. Jahrhunderts rief der deutsche Naturforscher Johann Anton Güldenstädt den Goldschakal als Stammvater des Hundes aus.
Auch Charles Darwin, dem eine lineare Rückführung des Hundes auf den Wolf gut in seine Evolutionstheorie gepasst hätte, konnte sich nicht vorstellen, dass der Wolf Stammvater von "Windspiel, Schweißhund, Pinscher, Jagdhund und Bullenbeißer" sein soll.
Zumindest was die Abstammungsfrage angeht, herrscht heute Klarheit. Es ist der Wolf - und nur er. Genauer noch: Unsere heutigen Hunde stammen von wahrscheinlich sechs wölfischen Mutterfamilien ab, die irgendwann vor 15.000 bis 25.000 Jahren - die genaue Datierung macht noch Schwierigkeiten - in Ostasien gelebt haben.
Erst die moderne Molekularbiologie in Verbindung mit der weltumspannenden Kommunikationsrevolution konnte dieses Rätsel endgültig klären. Der Wissenschaftsjournalist Alwin Schönberger beschreibt diesen und andere wissenschaftliche Durchbrüche bei der Erforschung des Hund/Mensch-Verhältnisses in seinem gerade erschienenen spannenden Report "Die einzigartige Intelligenz der Hunde".
Zwar war schon vor 20 Jahren, vor allem durch die Forschungen des Kieler Instituts für Haustierkunde, an dem auch der Lorenz-Schüler Erik Zimen arbeitete, die alleinige Stammvaterschaft des Wolfes als wahrscheinlichste Theorie erarbeitet worden.
Letzte Sicherheit konnten Anatomie, Physiologie und Verhaltensforschung in der Abstammungsfrage allerdings nicht bringen. Das schaffte erst kurz vor der Jahrtausendwende die Molekularbiologie. Einem internationalen Forschungsnetzwerk um die Genetiker Carles Vilà und Peter Savolainen gelang es mit der Mitochondrienanalyse, die "molekulare Uhr" zu lesen. Sie führte zu wölfischen Müttern.
Säugetier mit vielerei Gestalt
Es gibt kein Säugetier, das vielgestaltiger ist als der Hund. Normalerweise braucht die Evolution Jahrmillionen für solche Wandlungen der Gestalt von Organismen. Die ältesten Hundefossilien sind etwa 15 000 Jahre alt. Schon diese Tiere unterschieden sich deutlich von Wölfen, waren kleiner, hatten kürzere Schnauzen und einen ausgeprägteren "Stopp" zwischen Fang und Stirnpartie. Vielleicht lebten Hunde damals schon seit einigen Tausend oder Zehntausend Jahren mit Menschen zusammen.
Naturgeschichtlich wäre das immer noch ein kurzer Zeitraum. Die Differenzierung der Hunderassen in die Grundtypen, die wir heute kennen, hat sich sicherlich in viel kürzerer Zeit abgespielt. Eine moderne Hundezucht mit klaren Rassestandards gibt es überhaupt erst seit dem 19. Jahrhundert. Und überhaupt: Wie wurde der Wolf zum Hund?
Zum Haustier ohne Züchtung
Domestikation ist offenbar ein Vorgang, der sich sozusagen über Nacht abspielen kann. Um das zu veranschaulichen, erzählt Schönberger die Geschichte von dem russischen Genetiker Dimitri Beljajew, der vor 50 Jahren in einer sibirischen Fuchspelzfarm Zuchtexperimente durchführte.
Er wollte klären, ob die auch nach Generationen in Gefangenschaft wie Wildtiere verhaltenden Silberfüchse nachhaltig zu zähmen seien. Das würde die Arbeit in der Farm ungemein erleichtern.
Er verpaarte nur die wenigen Individuen miteinander, die nicht scheu und aggressiv dem Menschen gegenüber waren.
Nach wenigen Generationen traten erstaunliche Veränderungen ein. Die Füchse bekamen Hängeohren, wedelten mit dem Schwanz, wurden, wie Hunde, zweimal im Jahr läufig und begannen zu bellen.
Im Jahr 2004 erinnerte sich der amerikanische Anthropologe Brian Hare an diese Experimente und fuhr ebenfalls nach Sibirien, um das Verhalten der Nachkommen der Beljajewschen Füchse genauer zu erforschen.
Durch verschiedene Tests fand er heraus, dass die Fuchswelpen im selben Maße in der Lage waren, menschliche Kommunikationssignale zu verstehen wie junge Hunde.
Die sibirische Fuchsfarm bietet also einen tiefen Blick in die biologisch-kulturelle Evolution des Mensch-Hund-Gespanns. Selektiert waren die Füchse ja nur unter dem Gesichtspunkt der Zutraulichkeit. Man wollte Ruhe in den Käfigen, keine Haustiere zum Zeitvertreib, keine vierbeinigen Freunde, die mit ihrem "Herrchen" interagieren.
Die auf den Menschen ausgerichteten mentalen Fähigkeiten der Füchse - etwa das richtige Interpretieren von Blicken und Gesten, wenn es darum geht, Futter zu finden - entwickelten sich von selbst, nicht durch bewusste Züchtung.
So wird es auch bei jenen Wölfen gewesen sein, die die Nähe menschlicher Sippen und ihrer Lager suchten, sich von Abfällen nährten und oftmals auch selbst verspeist wurden.
Dieser für sich die ökologischen Vorteile der unmittelbaren Menschennähe realisierende Teil der Wolfspopulation wird sich irgendwann, ohne dass es zu einer bewussten Zähmung oder gar "Züchtung" kam, genetisch abgespalten haben.
Diesen den Menschen zugewandten Tieren wuchsen nicht nur Schlappohren zu, sondern auch kommunikative Fähigkeiten in Bezug auf den Menschen, über die noch nicht einmal die am höchsten entwickelten Primaten verfügen.
Hunde können sich in Menschen hineinversetzen, sie können Gegenstände mit Wörtern verbinden, sie verstehen die menschliche Gestik und Mimik und haben mit dem Bellen ein Ausdrucksmittel entwickelt, das vor allem der Kommunikation mit dem Menschen dient und übrigens auch von den meisten Menschen intuitiv verstanden wird.
Für einen Laien ist es äußerst schwer, die Stimmungslage eines Wolfes zu erfassen. In Bezug auf Hunde gehört das zu den grundlegenden Sozialkompetenzen.
Vom Räuber zum Hirten
Bleibt noch die Frage, ob es ein Zufall war, dass Mensch und Wolf sich zusammengetan haben, ob wir also genauso gut mit domestizierten Füchsen oder Waschbären unser Leben teilen könnten.
Die Frage muss mit einem klaren Nein beantwortet werden. Mensch und Wolf hatten sich gegenseitig so viel zu bieten wie keine andere denkbare Paarung. Sie jagten dieselben Beutetiere, als Konkurrenten, aber doch auch in einer sich natürlich ergebenden Kooperation.
Es kann sein, dass Mensch und Wolf bei der Jagd so erfolgreich waren, dass sie ihre eigene Nahrungsgrundlage gefährdeten. Diese ökologische Katastrophe wäre dann der Anstoß für den größten kulturellen Qualitätssprung aller bisherigen Geschichte gewesen:
die neolithische Revolution. Aus Jägern wurden Ackerbauern und Viehzüchter. Und die Wölfe begannen in Gestalt nunmehr domestizierter Hunde, Schafe zu hüten.
Buchtipps Alwin Schönberger: Die einzigartige Intelligenz der Hunde, Piper, München, 2006, 320 Seiten, 19,90 Euro.
Erik Zimen: Der Hund. Goldmann, München, 1992, 470 Seiten, 10 Euro
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