28.05.2008 - Tierschutzverein: Vorstand besorgt über Finanzkrise
28.05.2008, Abendblatt
Bilanz Rückgang bei Spenden
Tierschutzverein: Vorstand besorgt über Finanzkrise
Allein im Jahr 2007 wurde ein Minus von 881 362 Euro erwirtschaftet. Neue Vorsitzende will Vertrauen zurückgewinnen.
Von Ulrich Gaßdorf
"Die finanzielle Lage des Vereins ist besorgniserregend." Im Gespräch mit dem Abendblatt nimmt Gabriele Waniorek-Goerke, neu gewählte Vorsitzende des Hamburger Tierschutzvereins (HTV), ausführlich zu den massiven finanziellen Schwierigkeiten des rund 6000 Mitglieder zählenden Vereins Stellung.
Fest steht: Allein im Jahr 2007 wurde ein Minus von 881 362 Euro erwirtschaftet. Gleichzeitig wurden rund vier Millionen Euro eingenommen, dass waren etwa 450 000 Euro weniger als 2006. Deshalb setzt Waniorek-Goerke jetzt klare Prioritäten: "Wir müssen nun daran arbeiten, dass die Einnahmen und die Ausgaben deckungsgleich werden."
Der größte Kostenfaktor beim HTV sind die rund 80 Beschäftigten des Tierheims Süderstraße. Im vergangenen Jahr wurden mehr als 2,86 Millionen Euro an Personalkosten aufgewendet. Inwiefern es jetzt bei den Mitarbeitern zu Einsparungen kommen wird, ist noch offen: "Ich bin erst vor wenigen Tagen gewählt worden und kann mich jetzt noch nicht zu Personalfragen äußern. Meine Vorstandskollegen und ich müssen uns jetzt erst einmal einarbeiten."
Allerdings kündigte Waniorek-Goerke an, dass künftig wieder mehr um ehrenamtliche Helfer geworben werden solle, die ohne Bezahlung arbeiten.
Die Stadt Hamburg will Waniorek-Goerke allerdings in der jetzigen Situation nicht um finanzielle Unterstützung bitten: "Wir wollen uns zunächst selber um die finanziellen Schwierigkeiten des Vereins kümmern. Und nicht im ersten Schritt schon um Steuergeld bitten."
Wie berichtet, hat die Affäre um den ehemaligen HTV-Vorsitzenden Wolfgang Poggendorf, gegen den die Staatsanwaltschaft Hamburg seit Juli 2007 in mehreren Fällen wegen des Verdachts der Untreue ermittelt, den Verein in eine tiefe Krise gestürzt.
Dass die Poggendorf-Affäre dem Ansehen des Vereins massiv geschadet hat, wird auch beim Spendenaufkommen deutlich: Im vergangenen Jahr kamen 225 185 Euro zusammen, 2006 waren es noch 242 133 Euro.
Die Einnahmen durch Erbschaften gingen sogar um rund 500 000 Euro auf rund 1,27 Millionen Euro zurück: "Wir müssen das Vertrauen der Bürger in den Tierschutz durch solide Arbeit zurückgewinnen", so Waniorek-Goerke.
Den Menschen müsse wieder klar werden, dass der HTV eine wichtige Aufgabe leistet. "Nur dann wird auch wieder die Spendenbereitschaft steigen. Und auf diese sind wir unbedingt angewiesen."
In den kommenden Wochen will sich Waniorek-Goerke auch detailliert über das noch vorhandene Vereinsvermögen informieren.
Nach Abendblatt-Informationen verfügt der Verein über "liquide Rücklagen" von etwa drei Millionen Euro. Außerdem gehören mehrere Immobilien zum Eigentum des Vereins.
Ein HTV-Sprecher bestätigte gestern auf Anfrage dem Abendblatt: "Selbst wenn keine Erbschaften und Spenden mehr eingehen würden, könnten wir mit den vorhandenen Rücklagen den Tierheimbetrieb trotzdem ein Jahr lang weiterführen."
Unterdessen erhofft sich Gabriele Waniorek-Goerke für die Zukunft, dass "wir langfristig wieder schwarze Zahlen schreiben. Nur das schafft Spielräume für neue wichtige Tierschutzprojekte, wie beispielsweise einen Gnadenhof."
