12.04.2008 - Bedrückender Verrat am hippokratischen Eid
12.04.2008, Abendblatt
Folter Prominenter US-Arzt prangert in einem Buch die Rolle der Ärzte in US-Militärgefängnissen an
Der bedrückende Verrat am hippokratischen Eid
Von Thomas Frankenfeld
Hamburg - Im Mai 2004 schockieren Bilder aus dem US-Militärgefängnis Abu Ghraib in Bagdad die Welt. Gefangene wie Hunde an der Leine, nackt zu Fleischbergen arrangiert, gedemütigt, gefoltert.
Ausgerechnet in Saddam Husseins ehemaligem Höllenloch, wo Abertausende Häftlinge ihr Leben unter den Händen von Henkern und Folterknechten aushauchten, geht Folter nun von US-Soldaten aus.
Einer von Millionen entsetzten Amerikanern war der Arzt Steven H. Miles, praktizierender Mediziner, Professor an der Universität Minneapolis, Präsident der Amerikanischen Gesellschaft für Bioethik und mehrfach ausgezeichneter Menschenrechtler. "Als ich diese Fotos sah, fragte ich mich: Wo waren eigentlich die Gefängnisärzte?", sagt Miles.
Der bescheiden auftretende US-Mediziner, der schon im Sudan, in Bosnien, Thailand, Indonesien und Kambodscha medizinische Hilfe geleistet hat, sitzt in einer Hamburger Studentenkneipe am Schlump und isst Schweinebraten mit Rotkohl. Es ist sein erster Besuch in Hamburg; am Abend wird er im Ärztehaus in der Humboldtstraße aus seinem Buch "Oath Betrayed" (Random House) lesen. Der Titel "verratener Eid" bezieht sich auf den hippokratischen Eid, eine ethische Verpflichtung, die Ärzte früher ablegen mussten.
Unter dem Eindruck der Fotos aus Abu Ghraib begann Miles damals zu forschen - nach der Haltung und Mitverantwortung der Ärzte bei Misshandlungen von Gefangenen in Abu Ghraib, in Guantánamo und zahlreichen anderen Haftanstalten von US-Armee und CIA. Zwei Jahre lang arbeitete er insgesamt 60 000 Seiten an Regierungsdokumenten, Zeugenaussagen, Krankenakten, FBI-Unterlagen, Totenscheinen und Autopsieberichten durch.
Das Ergebnis war erschütternd - was sich auch im Untertitel des Buches andeutet: "Folter, medizinische Komplizenschaft und der Krieg gegen den Terror". Miles' Buch schlägt in den USA ein wie eine Bombe. "Ich war in der Lage, ein Bild der medizinischen Versorgung in diesen Haftanstalten zu zeichnen. Und ich stieß auf vier interessante Punkte. Erstens:
Die Regierung Bush machte es zu ihrer Politik, die Veröffentlichung sämtlicher Totenscheine zu stoppen - vor allem bei jenen Gefangenen, die in CIA-Gefängnissen oder an Folter starben. Dadurch wurde ein Frühwarnsystem außer Kraft gesetzt, das der Öffentlichkeit gesagt hätte, dass hier etwas schiefläuft."
Zweitens stellte der Mediziner fest, dass die Regierung einen Ausschuss gebildet hatte, der die Regeln für Verhöre steuerte. Dieser befasste sich mit Maßnahmen wie muslimischen Gefangenen Schweinefleisch zu verabreichen, ihnen die Gebetszeiten zu verschweigen oder männliche Gefangene nackt weiblichen Soldaten auszuliefern, "die ihnen dann Vorträge über die wahre Bedeutung des Islam hielten - ich scherze nicht", betont Dr. Miles.
Der dritte Punkt war eine allgemeine medizinische Vernachlässigung der Gefangenen. "Im psychologischen Bereich wurden alle Anstrengungen darauf gelegt, die Gefangenen zu brechen - nicht aber, sie zu behandeln."
"Der vierte Punkt: das Schweigen der Mediziner. Die Fotos aus Abu Ghraib wurden sogar als Bildschirmschoner nach Hause geschickt..." Miles berichtet in seinem Buch von Spuren schwerster Misshandlungen, die von Ärzten ignoriert wurden und unbehandelt blieben.
"Das medizinische System, das eigentlich die Einhaltung der Menschenrechte überwachen sollte, war in das System der Misshandlungen eingewoben", bilanziert Miles. "Es war die Konsequenz einer Politik, die von Verteidigungsminister Donald Rumsfeld entworfen wurde."
Der Missbrauch von Gefangenen sei wie eine Epidemie gewesen - in einem weltweiten Archipel von Haftanstalten der Armee und Verhörzentren der CIA. Mehr als 80 Prozent dieser Gefangenen seien zudem unschuldig in Haft gewesen.
Generell bestünden die US-Streitkräfte aus "anständigen Leuten", deren Ruf hier befleckt worden sei, betont Steven H. Miles. "Hier geht es um Menschenrechtsfragen. Kein Hinweis auf die nationale Sicherheit kann jemals Folter rechtfertigen."
Der Arzt Steven H. Miles ist Verfasser mehrerer Bücher und Professor in Minneapolis, wo er auch lebt.
