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24.10.2005 - Sexlos lebende Menschen

24.10.2005, SPIEGEL WISSEN
Autor: Beate Lakotta
PSYCHOLOGIE

Das letzte Tabu [Artikel zur Merkliste hinzufügen]
Beim Sex ist heute praktisch nichts mehr peinlich. Nur wer keinen hat, fühlt sich anomal, wie ein Interviewbuch mit sexlos lebenden Menschen zeigt.

Eine Freundin hatte Jens H., 43, zuletzt vor zehn Jahren. "Man hat die Sehnsucht, mal wieder eine Frau zu berühren, mit einer Frau zu reden, die Nähe zu spüren, Streicheleinheiten zu bekommen, mal geküsst zu werden. Und das fehlt mir." Herr H. ist arbeitslos, auf dem Beziehungsmarkt rechnet er sich kaum Chancen aus: "Mit zehn Euro in der Tasche brauche ich keine Frau anzuquatschen."

Auch Sabine K., 50, sehnt sich nach Körperwärme: "Dass man so ganz allein und asexuell durch die Gegend läuft, das könnte ich verstehen, wenn eine Frau nichts aus sich macht und immer nur zu Hause sitzt. Aber das tue ich ja gar nicht." Frau K. verdient sich Geld mit Telefonsex, und das nicht mal ungern. Doch einen Mann hatte sie seit Jahren nicht mehr im Bett, leider. "Eigentlich ein Unding", findet Frau K., in einer Welt, in der ein halbwegs passables Sexleben so selbstverständlich scheint wie ein Frühstücksei.

Wie toll? Wie oft? Wie lange? - kaum ein Detail bleibt ausgespart, wenn TV-Kanäle mit intimen Bekenntnissen Quote machen. Eine wahre Bücherflut befasst sich seit den sexuellen Leistungsvorgaben der Apo-Kommune ("Wer zweimal mit derselben pennt ...") mit allen denkbaren Spielarten der körperlichen Liebe. Nur wer so "oversexed and underfucked" durch die Gegend läuft wie manche desolate Typen in Michel Houellebecqs Romanen, hält lieber den Mund.

Als die Hamburger Autorin Renate Wichers, 56, per Zeitungsanzeige sexlos lebende Interviewpartner suchte, konnte sie den Andrang derer, die sich unter dem Schutz der Anonymität offenbaren wollten, kaum bewältigen. Viele hatten zuvor mit niemandem darüber geredet. "Wenn man zugibt, man hat seit drei Jahren keinen Sex mit seiner Frau, dann ist man unten durch", sagt Mario D., 29. "Man steht als Depp da und als Lachnummer."

"Kann es sein", fragt Wichers nun im Vorwort ihres Buchs*, "dass in einer Gesellschaft, in der so viel über Sexualität geschrieben und gesprochen wird, die Realität ganz anders aussieht?"

Elf Männer und elf Frauen berichten ebenso freimütig wie unterhaltsam aus ihrem Leben in der letzten Tabuzone - und reden dabei die meiste Zeit über Sex. Wenige führen ihr mönchisches Leben nach eigenem Entschluss wie die Frau, die sagt: "Seit ich sexlos lebe, bin ich frei." Die meisten verzichten notgedrungen und sind immer auf der Suche.

Hygienische und moralische Skrupel verhindern den herbeigesehnten Akt. Einer schämt sich für unerotische Zehen. Ein anderer fühlt sich, "als wenn ich ein Schild um den Hals hätte, eines, das ich nicht sehen kann. Das sind irgendwelche unbewussten Signale, die Frauen lesen können". Die meisten leiden unter der Angst vor Enttäuschung und Gefühlschaos, die der schönen Begegnung folgen könnten: "Liebe macht verrückt. Das kann ich jetzt so gar nicht gebrauchen", sagt Nicole D., 37. "Es muss alles seinen Platz haben, und ich find, so ein Mann passt einfach nicht in meine Wohnung."

"Gemütlicher und ruhiger lebt man ja so", gibt auch Frau K. zu Protokoll, doch anders wär's ihr aus Erfahrung lieber. Nicht wenige der Interviewten blicken auf ein lebhaftes Geschlechtsleben zurück, bis hin zum Sex im Zug mit einem Unbekannten. Doch irgendwann blieb der Sex auf der Strecke, wie bei Erika B., 61, deren Lebenspartner seit einem Schlaganfall impotent ist.

Manche rätseln ihren spärlichen Erfahrungen nach wie Frank T., 45: "Es gibt ja so was wie einen Körperorgasmus, ich glaub, das hab ich einmal erlebt. Das ging bis in den Bauchbereich, vielleicht war das schon so was."

Andere hatten noch gar nie Sex, wie Michael G., 33. Aus Angst vor den Erwartungen einer erfahrenen Partnerin spult er auf Partys immer das gleiche Verhinderungsprogramm ab: "Ist das jetzt die Traumfrau? Kurz den Scannerblick drüber, irgendwas stimmt wieder nicht. Falsche Klamotten, falscher Dialekt. In dem Moment denke ich: Aha, passt nicht hundertprozentig in meine Traumfrauschablone, kann praktisch ausgeschlossen werden."

Nach Perfektion strebt auch Petra D., 28: "Er muss halt das bringen, was ich haben will. Wenn ich am Tag fünfmal Bock habe auf Sex, dann muss er das können, ganz klar", erklärt die Karrierefrau. "Ich muss bei ihm vom Fußboden essen können. Und intelligent muss er auch sein. Das ist sehr schwer zu finden." Deshalb sucht Frau D. nach Ersatzbefriedigungen: "Ich steh extrem auf sehr teure, weiße Bettwäsche." Im Kaufhaus streicht sie mit den Händen immer wieder über eine exquisite Garnitur. "Ich habe da jetzt nicht

aufgeschrien, aber es war genau das gleiche Gefühl wie nach dem Orgasmus. Drei Tage hintereinander bin ich da hingegangen. Ich hab gedacht, jetzt fängt es bei mir langsam an, dass ich abnormal werde."

Aber nicht nur junge, schöne Menschen scheitern an ihren Ansprüchen: "Männer um die fünfzig, die sehen ja alle so doof aus", sagt eine 50-Jährige. "Ach, wenn ich ehrlich bin, in so einen Opa verlieb ich mich nicht." Und Klaus H., 64, mag "keine dicken, fetten Quallen. Wenn sie so dick sind wie ich. Das stößt mich ab".

"Sex an sich ist doch ekelhaft", findet Paul K., 60, der sein "Ding" am liebsten in den Kühlschrank stellen würde. "Das machen die Kaninchen, die Schimpansen. Und da gehst du hin, um wie ein Schimpanse zu leben? Mir ist es peinlich, dass ich diesen Drang habe, mit einer Frau ins Bett gehen zu wollen, um Sex zu haben. Kann man das nicht abschalten, dass man endlich wie ein Mensch leben kann?"

In Wahrheit bangt Herr K. um seine Autonomie: "Eine ganze Frau, um Liebe zu machen, ist zu anstrengend. Die Frau spricht, die Frau denkt, die Frau ist mir überlegen, und die will noch etwas dazu. Nur für den Spaß am Sex macht das eine Frau so gut wie nie. Sobald eine Frau dem Mann Sex gibt, frisst sie ihn total auf."

"Der Sex ist gefährlich", sagt auch Jacqueline F., 43, Ex-Callgirl: "Das, was du liebst, das bringt dich auch um." Das kann ihr in der virtuellen Welt nicht passieren: "Beim Webcam-Sex kommt kein Ekel auf. Man kann denjenigen auch nicht riechen. Und wenn jemand eine Nuance zu primitiv redet, kann ich ihn sofort wegklicken. Du brauchst nicht mehr die Welt, du brauchst ja überhaupt keinen einzigen Menschen mehr."

Besonders nach unschönen Erfahrungen genügt sich mancher selbst: "Die größte und schönste Liebesaffäre ist die zwischen mir und meinem Spiegelbild", bekennt der schwule Sebastian K., 62. "Ich mache es immer anders mit mir" - mal mit Glittergel, mal mit Hundeketten. "Wenn ich sehr allein war, hab ich mich immer geküsst und lieb gehabt", sagt Marina S., 59. "Ich hatte ja immer meine Hilfsmittel. Mit Vibratoren konnte ich nicht viel anfangen, aber mit meiner Zahnbürste."

Weil all das aber niemand wissen soll, wird nirgendwo so viel gelogen wie beim Thema Sex. "Dass ich impotent bin und keine Frau befriedigen kann, das ist für mich im Leben das Schlimmste", sagt Rolf W., 48. Er träumt vom Auspeitschen und von Fesselspielen, aber seine Frau steht nicht auf so was, und in den Puff traut er sich nicht. "Den Kollegen erzähle ich, worauf ich so stehe. Ich sag: ,Meine Frau macht alles, was ich will.'"

Rolf W. ist nicht der einzige traurige Prahlhans in Wichers' Buch. Wohl auch, weil Ehrlichkeit nicht so toll ankommt in der Welt derer, die Sex haben: "Ich hab mal eine Frau getroffen", erzählt Joachim F., 56, der Mann mit dem Schild um den Hals. "Es war ein wunderschöner Sommerabend, und wir haben getanzt. Ich hab mich wahnsinnig gefreut, weil sie mich berühren mochte. Ich hab ihr gesagt, dass ich fast quietsche wie eine Zitrone vor fehlender Berührung. Und das hat sie total abgeschreckt. Man darf also nicht so viel sagen." BEATE LAKOTTA
* Renate Wichers: "Nie mehr Sex. Leben ohne Liebe?" Schwarzkopf & Schwarzkopf, Berlin; 248 Seiten; 9,90 Euro.