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05.01.2008 - Jugendgewalt-Populismus

06.01.2008, MOPO
JUGENDGEWALT
Was Experten jetzt fordern!
Juristen empört über »Wahlkampfgetöse« und »Populismus«
STEPHANIE LAMPRECHT

Es ist das Wahlkampfthema der Saison: Gewalttätige Jugendliche und wie mit ihnen verfahren werden soll. Hessens Ministerpräsident Roland Koch fordert die - längst praktizierte - Abschiebung von straffällig gewordenen jungen Ausländern, Hamburgs Innensenator Udo Nagel (parteilos) will Kurz-Arrest zur Abschreckung.

Experten, die sich täglich mit Jugendkriminalität beschäftigen, können über Ideen wie die Erhöhung der Maximalstrafe von 10 auf 15 Jahre nur den Kopf schütteln.

"Das ist so ein populistischer Unfug", ärgert sich Strafverteidiger Johann Schwenn: "Statt nach härteren Gesetzen zu rufen, sollte die Politik dafür sorgen, dass die Jugendgerichte personell besser ausgestattet werden. Die Reaktion des Staates auf eine Straftat muss bei einem Jugendlichen sofort erfolgen. Aber das kostet natürlich Geld."

Rechtsanwalt Manfred Getzmann: "Ein jugendlicher Täter denkt bei seiner Tat nicht über die Höchststrafe nach."

Auch Jugendrichter Johann Krieten lehnt die Verschärfung des Jugendstrafrechtes rigoros ab: "Das ist Wahlkampfgetöse." Seine Forderung: Familienrichter müssen Kinder viel früher als bisher aus gewalttätigen Familien herausholen. "Die meisten jugendlichen Gewalttäter fallen schon als Kinder auf. Dann kann man noch auf sie einwirken, etwa indem man sie in eine gewaltfreie Umgebung bringt." Viele Eltern, die ihre Kinder mit Gewalt erziehen, haben selbst nichts anderes erfahren. Diesen Teufelskreis können Familiengerichte durchbrechen.

Was junge Gewalttäter viel stärker beeindrucke als eine drakonische Strafandrohung: eine möglichst frühe Konfrontation des Täters mit den Folgen seiner Tat. So können auch Kinder, die andere Kinder terrorisieren, vom Familienrichter in Kurse geschickt werden, in denen sie Mitgefühl mit Opfern lernen.

Die Instrumente des Jugendstrafrechts seien vielfältiger als in der Öffentlichkeit wahrgenommen, so Krieten: "Man kann einem Jugendlichen etwa verbieten, einen bestimmten Stadtteil zu betreten. Man kann Kontaktverbot zu bestimmten Personen aussprechen oder ihm soziale Arbeit, etwa im Altersheim, auferlegen."

Jugendliche Ausländer über 18, die zu mindestens drei Jahren Haft verurteilt worden sind, werden bereits heute abgeschoben. Und der Führerscheinentzug als Strafe, wie die Polizeigewerkschaft es fordert? "Total an der Realität vorbei", sagt der Jugendrichter, "die meisten haben gar keinen Führerschein."

Info:
Diskussion auf Hamburg 1

Um die Jugendgewalt geht's auch in der Hamburger Presserunde am Sonntag auf Hamburg1 (21.45 Uhr). Unter dem Titel "Kuschelpädagogik vor dem Aus?" diskutiert Moderator Karl-Günther Barth mit Maike Röttger ("Abendblatt"), Nicolaus Fest ("Bild"), Uwe Bahnsen ("Welt") und Frank Wieding (MOPO).

Zitat:
"Kinder müssen früher aus gewalttätigen Familien geholt werden" Richter Krieten