16.06.2008 - Intrigen-Stadl SPD
16.06.2008, MOPO
ES GEHT SCHON WIEDER LOS
Intrigen-Stadl SPD
44 Monate vor der Wahl wird um den nächsten Spitzenkandidaten gerungen
MATHIS NEUBURGER
Vor gut einem Jahr erlebte die Hamburger SPD ihre schwerste Krise. Machtkämpfe und Intrigen gipfelten im totalen Chaos. Unter Michael Naumann feierte die Partei zwar ein erfolgloses, aber überraschend geschlossenes Comeback. Doch Naumann ist weg - und schon geht, keine vier Monate nach der Wahl, der Kampf um die nächste Spitzenkandidatur los. Hinter den Kulissen läuft ein schmutziges Ränkespiel, das die Partei wieder ins Chaos stürzen könnte.
Zur Erinnerung: Die damalige Kandidatenkür glich einem Desaster. Die Partei war gespalten, bei der entscheidenden Wahl hätte sich Mathias Petersen durchgesetzt - wenn nicht 1000 Wahlzettel verschwunden wären. Petersen trat zurück, der Skandal wurde nie aufgeklärt. Genau wie Petersen sich nie damit abfand, betrogen worden zu sein.
Das Schöne an der Politik: Die Zeit zur Rache kommt in schöner Regelmäßigkeit, alle vier Jahre. Und so soll das Lager um den Ex-Parteichef die Rückkehr des Arztes aus Altona vorbereiten. Als Indiz dafür gilt einigen Genossen eine Rede Petersens im April. "Selbst als SPD-Chef ist er nicht mit strategischen Impulsen aufgefallen", lästert ein SPDler. "Und plötzlich hält er ein Referat über strategische Grundsatzfragen."
Genau das versetzt die gerade zur Ruhe gekommene Partei in Alarmbereitschaft. Denn Petersens Truppe wird von einigen vorgeworfen, die SPD erneut ins Chaos stürzen zu wollen - um ihn dann als Retter zu inthronisieren.
Vor allem Thomas Böwer ist in der Schusslinie. Er gilt als enger Vertrauter Petersens. Seine Aufgabe soll darin bestehen, gegen die eigenen Genossen zu schießen und so für Unruhe und Streit zu sorgen. "Zwischen Genie und Wahnsinn", charakterisiert ihn einer.
Doch vielen Abgeordneten ist zu viel Wahnsinn im Spiel. Sie rollen beim Namen Böwer nur mit den Augen. Ex-SPD-Kandidat Naumann bat nach der Wahl die Journalisten, Böwer nicht mehr zu beachten! Es kursiert sogar ein Plan, ihn wegen diverser Entgleisungen aus der SPD auszuschließen.
Das Fass zum Überlaufen brachte Böwers jüngste Attacke gegen die eigene Partei. Er schrieb einen ironischen Brief an Guido Westerwelle mit der Bitte, Teile der alten FDP-Strategie "Projekt 18" übernehmen zu dürfen. Grund: Die SPD bewege sich ja auf diese Prozentzahl zu.
Das fanden die Genossen gar nicht lustig. Vor allem weil Böwer behauptete, den Brief mit der Pressestelle abgesprochen zu haben. Selbst Fraktionssprecher Christoph Holstein ätzte damals: "Vielleicht hat ja jemand für unseren Fraktionsclown Verwendung. Wir warten auf ein Angebot."
Gerade die vielen jungen Abgeordneten sind sauer. So stand bei einer Fraktionssitzung der Wandsbeker Jan Balcke auf und attackierte Böwer: "Es kann nicht sein, dass wir in den Medien übereinander herziehen. Das ist an unsolidarischem Verhalten nicht zu überbieten!"
Petersen will sich dazu nicht äußern. Aber in der SPD gibt es auch Stimmen, die die Debatte um seine Ambitionen als "Präventivschlag seiner Gegner" sehen, um "ihn unmöglich zu machen". Ziel der Intrigenspinner: lieber jetzt streiten und in zwei Jahren geschlossen auftreten als andersrum.
Denn ein Hickhack vor der Wahl wollen die Parteispitzen um Chef Ingo Egloff um jeden Preis vermeiden. Ihr Plan: Jetzt eine Reihe möglicher Kandidaten aus den eigenen Reihen aufbauen, die in der Öffentlichkeit stärker präsent sein sollen.
Im Gespräch sind etwa Fraktionschef Michael Neumann oder Markus Schreiber, erfolgreicher Mitte-Bezirksleiter. "Spätestens seit er sich den Schnurrbart abrasiert hat, ist er ein möglicher Kandidat", witzelt ein Genosse wohlwollend. Der Zeitpunkt ist günstig: Da Wählerliebling Ole von Beust wohl nicht erneut kandidieren wird, hat die SPD endlich mal wieder eine Chance auf den Sieg. Wenn sie sich nicht selbst zerfleischt.
Zitat:
"Das ist an unsolidarischem Verhalten nicht zu überbieten"
Jan Balcke, SPD-Abgeordneter
"Hat jemand für unseren Fraktionsclown Verwendung?"
SPD-Sprecher über Böwer
