30.09.2008 - Bestechung durch deutschen Verband
30.09.2008, Abendblatt
Skandal: Bestechung durch deutschen Verband vor der Vergabe der WM 2005
Peinliche Posse um Handball-Präsidenten
Ulrich Strombach versuchte, die Austragung der Weltmeisterschaft zu erkaufen, und steht beim Bundestag in Hamburg unter Druck.
Von Erik Eggers
Hamburg - Als die Funktionäre des Deutschen Handball-Bundes (DHB) gemeinsam mit Bundestrainer Heiner Brand im November 2002 zum Kongress der Internationalen Handball-Föderation (IHF) ins russische St. Petersburg flogen, um die Weltmeisterschaft 2005 nach Deutschland zu holen, zeigte sich DHB-Boss Ulrich Strombach noch zuversichtlich.
Er habe ein "sehr, sehr gutes Gefühl", erklärte der Gummersbacher Rechtsanwalt. Heraus kam bekanntlich eine sensationelle 44:46-Abstimmungsniederlage gegen Tunesien, und Strombach schimpfte öffentlich auf gekaufte "Stimmkartelle", die IHF-Präsident Hassan Moustafa organisiert habe.
Moustafa sei für ihn ein "toter Mann", wütete Strombach, der "größere Transparenz" forderte und gar einen WM-Boykott ins Spiel brachte. Erst als der DHB zwei Jahre später die Austragungsrechte für die WM 2007 erhielt, geriet die Episode in Vergessenheit.
Vor dem DHB-Bundestag am Sonnabend in Hamburg wird Strombach von der Geschichte allerdings wieder eingeholt. Nach Informationen des NDR-Sportclubs nämlich hat die DHB-Führungsspitze 2002 mit 50 000 US-Dollar die WM-Austragung kaufen wollen.
Wie DHB-Vizepräsident Horst Bredemeier und DHB-Schatzmeister Wolfgang Gremmel dem NDR bestätigten, hatte der Handballbund dem favorisierten Mitbewerber aus Russland vor dem entscheidenden Wahlgang diese Summe für einen Rückzug versprochen. "Das war sicher nicht ganz korrekt", gestand Bredemeier ein.
Die Russen schlugen ein. Als aber der DHB die Wahl dennoch verlor, weil die Tunesier ebenfalls ganz offensichtlich mit Bestechung arbeiteten, war das Dilemma groß. Denn nun musste der DHB selbst für die 50 000 Dollar aufkommen, die ursprünglich ein potenzieller WM-Sponsor aus der Wirtschaft hatte aufbringen wollen.
Die Zwangslage bestand darin, berichtet Gremmel, dass es sich um einen Alleingang der DHB-Spitze handelte und die zuständigen DHB-Gremien nicht informiert waren. Kenntnis hatten laut Gremmel nur Strombach, Bredemeier und er selbst. "Ich als Schatzmeister musste das doch verbuchen", sagte Gremmel.
Man habe sich zunächst "moralisch nicht verpflichtet gefühlt", die 50 000 Dollar zu zahlen. "Aber die Russen wollten das Geld haben." Strombach wollte zu dem Korruptionsskandal keine Stellung nehmen.
Ein weiteres Problem war die klamme Finanzlage des DHB. Aus diesem Grund erhielt der russische Handballverband zunächst nur 10 000 Dollar. Die Restzahlung aus dem schmutzigen Deal blieb der DHB bis zum Dezember 2005 schuldig.
Erst nach einem Krisengespräch zwischen den beteiligten Verbänden und der IHF am Rande der World Games 2005 in Duisburg gab es folgende Lösung: Der Weltverband schoss die restlichen 40 000 Dollar für den DHB vor.
"Die Verrechung erfolgt mit der Zahlung für die WM 2007 in Deutschland", heißt es in einem zusammenfassenden Fax-Brief der IHF an Strombach, der dem NDR und dem Abendblatt vorliegt. Der Weltverband finanziert die Austragung jeder WM mit einem Millionenbetrag.
Bizarr und bemerkenswert ist diese Bestechung auf Pump in mehrfacher Hinsicht.
Erstens tolerierte der Weltverband die Wahl-Korruption nicht nur, er finanzierte sie im Nachhinein sogar.
Zweitens setzten Strombach & Co. Gelder des DHB ein, ohne dafür legitimiert gewesen zu sein.
Drittens erweist sich Strombach im Nachhinein als Heuchler, weil er damals über Stimmenkartelle zeterte, gleichzeitig aber den favorisierten Mitbewerber durch eine Geldzahlung zum Rückzug bewegt hatte.
Sanktionen seitens des Weltverbandes und seines skandalumwitterten Präsidenten Moustafa hat der DHB angesichts der Verwicklung der IHF nicht zu befürchten. Aus Reihen der Landesverbände jedoch regt sich starke Kritik am autokratischen Führungsstil des Präsidenten.
"Das wird ein heißer Bundestag", kündigt der Vorsitzende des Badischen Handballverbandes (BHV), Holger Nickert, vor der Vollversammlung des DHB am Sonnabend in Hamburg an. Andere Landesverbände erwägen gar, dem DHB ihre Mitgliedsbeiträge zu verweigern, bis dieser Korruptionsfall umfassend aufgeklärt ist.
In Hamburg stellen sich Strombach, Bredemeier und Gremmel zur Wiederwahl. Gegenkandidaten gibt es keine.
