11.05.2008 - Zeiss Jena: Vorwürfe der Vetternwirtschaft
11.05.2008, SPIEGEL ONLINE
ZWEITE LIGA
Bei Carl Zeiss brennt der Wald
Von Christoph Ruf
Vor dem Heimspiel gegen Kaiserslautern stellt Jenas Präsident Rainer Zipfel die Vertrauensfrage. Seine Kritiker werfen ihm Vetternwirtschaft vor. Neben einem merkwürdigen Vertrag über die Marketingrechte geben auch drei eigenartige Transfers Rätsel auf.
Rainer Zipfel, das bestreiten nicht einmal seine zahlreichen Gegner, hat große Verdienste um den FC Carl Zeiss Jena. Zipfel hat den derzeitigen Tabellenletzten der Zweiten Liga (mehr...) entschuldet, als in der Viertklassigkeit dessen Existenz auf dem Spiel stand.
Er soll damals sogar eigenes Kopierpapier mitgebracht haben, um einen Minimalbetrieb auf der Geschäftsstelle aufrecht zu erhalten. Das war in den Zeiten, als der Thüringer Traditionsverein in der Oberliga und später in der Regionalliga antrat.
Carl-Zeiss-Präsident Zipfel: Zu keiner Stellungnahme bereit
Doch zuletzt gab mit Matthias Härzschel der zweite Geschäftsführer innerhalb von sechs Monaten auf.
Und zwar mit dem Hinweis auf das "Geschäftsgebaren" Zipfels. Dass sich das seit unseligen Oberliga-Zeiten nicht geändert habe, meint auch Bernd Jurke, Aufsichtsrat des Vereins, der auf der außerordentlichen Aufsichtsratssitzung am heutigen Sonntag für eine Abwahl Zipfels stimmen wird.
17 Sponsoren, darunter auch der designierte Hauptsponsor für die kommende Saison, haben ihr Engagement an den Rücktritt Zipfels geknüpft:
"Für die kommende Saison ist mit unserer Unterstützung nur zu rechnen, wenn der Präsident mit sofortiger Wirkung zurücktritt", heißt es in der "Thüringer Landeszeitung". "80 Prozent der Sponsoren", so Aufsichtsrat Bernd Jurke zu SPIEGEL ONLINE, seien "mittlerweile gegen Zipfel eingestellt. Sein Stil war in letzter Zeit eines Präsidenten unwürdig." Zipfel war zu keiner Stellungnahme bereit.
Hauptstreitpunkt ist der Marketingvertrag des Vereins. Carl Zeiss ist der einzige Verein im Profifußball, der nicht direkt von einem Sportartikelhersteller ausgerüstet wird, sondern seine Utensilien über ein Sportgeschäft bezieht.
Der entsprechende Vertrag wurde - allein das ist außergewöhnlich - mit dem Vorsitzenden des eigenen Aufsichtsrates, Michael Meier geschlossen, dessen Sportgeschäft den Verein ausrüstet. Mit Zipfel ist Meier privat befreundet.
Und nicht nur der zurückgetretene Geschäftsführer Härzschel findet, dass der eher Meier als dem Club nutze: Lediglich 110.000 Euro, das wurde auf der Mitgliederversammlung im September bekannt, bekommt der Verein für die Ausrüsterrechte, und nur 20.000 Euro für die Merchandisingrechte.
Zumindest der Posten für die Merchandisingrechte ist absurd niedrig. Dieser Vertrag, über den entgegen der Aussage Zipfels, im Aufsichtsrat nicht abgestimmt wurde, wie der ehemalige Vorsitzende Till Noack sagte, wird nun zum Zankapfel zwischen dem Präsidenten und seinen Gegnern im Kontrollgremium.
Auch die Transferpolitik der Thüringer war zu Beginn dieser Saison ausgesprochen merkwürdig. Der Verein bereitete damals den Einstieg einer inguschischen Investorengruppe namens "Alpha Investment Group" vor, die nach Aussage von Zipfel von Moskau aus operierte und ihren Firmensitz auf den Virgin Islands habe. Der später von der DFL vereitelte Deal, der den Thüringern in fünf Jahren 25 Millionen Euro bringen sollte, bleib offenbar nicht ohne Auswirkungen auf das sportliche Geschehen.
"Kein Kommentar, bitte haben Sie Verständnis"
Frank Neubarth, der erste von mittlerweile drei Cheftrainern in dieser Saison, erinnert sich noch gut an die Saisonvorbereitung. Die habe "enorm unter dieser Diskussion um die russischen Investoren gelitten."
Tag für Tag habe er auf das versprochene Geld aus der ehemaligen Sowjetunion gewartet, "um endlich die versprochenen Verstärkungen finanzieren zu können". Doch das Geld kam nicht.
Stattdessen wurden kurz vor dem Shooting des Minderheitsgesellschafter mit Ilia Kandelaki, George Oniani und George Seturidze plötzlich drei georgische Spieler nach Jena transferiert. Lutz Lindemann, der damalige Manager verweigert noch heute eine Antwort auf die Frage, ob er die Spieler damals verpflichtet habe: "Kein Kommentar, bitte haben Sie Verständnis."
Wenig später kippte die DFL das geplante Vorhaben, der "Alpha Investment Group" 49 Prozent der Anteile an der eilends gegründeten GmbH zukommen zu lassen und die inguschischen Investoren den Geschäftsführer stellen zu lassen.
Die Statuten schlössen aus, dass "ein Minderheitsgesellschafter in irgendeiner Form die Politik, insbesondere die Personalpolitik" eines Clubs bestimme, hieß es damals aus Frankfurt.
Genau das war aber offenbar bereits lange passiert. Mitte September musste Neubarth gehen, Zipfel präsentierte kurz darauf den Litauer Valdas Ivanauskas als Nachfolger.
Irgendwann war auch der nicht mehr zu halten. Ivanauskas Nachfolger, das Jenaer Eigengewächs Henning Bürger konterte vergangenen Sonntag die Präsidentenkritik klar und deutlich:
"In Jena brennt nicht der Baum, in Jena brennt ein ganzer Wald!
Der Präsident soll sich um seine Probleme kümmern, ich kümmere mich um die Mannschaft."
