20.02.2008 - Kalabriens Gauner als Global Player
20.02.2008, Süddeutsche Zeitung.de
Report zur Mafia
Kalabriens Gauner als Global Player
Die Anti-Mafia-Kommission untersucht, wie aus hinterwäldlerischen Banditen eine der schlimmsten Verbrecherorganisationen der Welt wurde. Kritisiert wird dabei auch die Bundesrepublik.
Von Stefan Ulrich
Die Anti-Mafia-Kommission des italienischen Parlaments benutzt eine Metapher, um zu beschreiben, was vergangenen August in Duisburg geschehen ist.
Wie ein "Geysir" habe der Mafiamord an sechs Italienern vor der Pizzeria "Da Bruno" gewirkt, heißt es am Anfang eines Untersuchungsberichts über die ’Ndrangheta, den die Kommission am Mittwoch in Rom vorstellte.
Dadurch sei allen Deutschen klar geworden, was unter der scheinbar ruhigen Oberfläche ihres Landes brodele: "Die giftige und äußerst gefährliche Brühe einer Kriminalität, die aus den entlegensten Gegenden Kalabriens kommt und sich überall im dunklen Untergrund der Globalisierung ausgebreitet hat."
Der Report will ergründen, wie aus hinterwäldlerischen Banditen eine der schlimmsten Verbrecherorganisationen der Welt wurde. Eine Erklärung: Die ’Ndrangheta blieb lange verkannt, in Italien wie im Ausland. Besonders die Bundesrepublik, wo die kalabrische Mafia seit den siebziger Jahren präsent ist, wird kritisiert.
Das Massaker von Duisburg zeige, "wie sehr die deutschen Behörden das Eindringen und Verwurzeln der ’Ndrangheta in ihrem Land, in Europa und der Welt unterschätzten". Seit langem hätten italienische Ermittler ihren Kollegen Hinweise gegeben und auch das Ristorante "Da Bruno" genannt. Die Deutschen aber hätten die Gefahr verdrängt und als rein italienisches Problem betrachtet. Das sei seit Duisburg vorbei.
Francesco Forgione, der aus Kalabrien stammende Präsident der Kommission, sagte der Süddeutschen Zeitung, italienische und deutsche Fahnder arbeiteten nun besser zusammen. So sei eine gemeinsame Einheit am Werk, und es würden intensiv Daten ausgetauscht.
Allerdings gebe es in Italien rechtliche Mittel, die in Deutschland fehlten: etwa die präventive Beschlagnahme verdächtigen Vermögens und eine weitgehende Telefonüberwachung.
Forgione sieht die ’Ndrangheta in der gesamten Bundesrepublik am Werk. Ihre Geschäftsfelder seien etwa Lebensmittelhandel, Tourismus und Immobilienspekulationen.
Die Mafia, die aus dem hintersten Kalabrien kommt, hat ein feines Netz über die ganze Welt gesponnen. Zunächst hätten sich die ’Ndrangheta-Mitglieder im Schlepptau süditalienischer Emigranten ausgebreitet, heißt es in dem Report. Später hätten die Clans eine regelrechte Kolonialpolitik betrieben, um Stützpunkte entlang der Drogenrouten zu errichten.
Heute habe die gefährlichste italienische Mafia Filialen in Deutschland, Frankreich, Belgien, Holland, Großbritannien, Portugal, Spanien, der Schweiz, Argentinien, Brasilien, Chile, Kolumbien, Venezuela, Marokko, der Türkei, Kanada, den USA und Australien.
Wichtigstes Geschäft der ’Ndrangheta ist der Kokainhandel, den sie weltweit beherrscht. So kaufen die Bosse aus Kalabrien direkt bei den Produzenten in Kolumbien und Bolivien ein und bringen den Stoff nach Europa.
Allein in Mailand, so rechnet die Kommission vor, konsumierten 120.000 Menschen Kokain - ein unerschöpfliches Geschäft. Neben Spanien und Holland sei Deutschland eines der Lieblingsländer der ’Ndrangheta, um das Kokain anzulanden und weiterzuleiten.
Archaische Rituale
Akribisch beschreibt der Bericht, wie die kalabrische Mafia so stark werden konnte. Die Antwort: Den Familien gelang es, ultramodern und traditionsverhaftet zugleich zu agieren.
So steuert die ’Ndrangheta ihre Geldwäschegeschäfte verschlüsselt über das Internet, achtet aber streng auf die Blutsbande in den Clans.
Kaum einer ihrer Leute kooperiert mit der Justiz, weil er so Verwandte verraten würde. Archaische Aufnahmerituale wie das Verbrennen von Heiligenbildchen prägen bis heute das Innenleben der Gruppe.
Auch in Duisburg wurden Spuren dieser Rituale gefunden. Die Kommission findet, die ’Ndrangheta ähnele in ihrer dezentralen Struktur dem Terrornetz al-Qaida.
Zugleich sei sie mit Fast-Food-Ketten vergleichbar: Ob in Australien oder Deutschland - überall erhalten die Kunden der ’Ndrangheta das gleiche Produkt, überall agiert sie zuverlässig, rasch, effizient.
Trotz all ihrer Aktivitäten, die auch Waffen- und Menschenhandel umfassen, legt die ’Ndrangheta Wert auf die totale Kontrolle ihrer Herkunftsregion. Der Report spricht von einer "Obsession". So beherrsche die Mafia in Reggio Calabria "jeden Aspekt des Sozial- und Wirtschaftslebens". Kaum ein Unternehmen verweigere sich den Clans.
Diese schöpften Subventionen aus Rom und Brüssel ab. Sie infiltrierten Politik und Verwaltung und seien für viele Bürger ein wichtigerer Ansprechpartner als der schwache Staat.
Die Untersuchung kommt so zu einem doppelten Bild der ’Ndrangheta. Sie ist einerseits Territorialmacht in Kalabrien und andererseits ein globales Syndikat.
Eigentlich scheuen die kalabrischen Clans das Licht der Öffentlichkeit. Mit dem Mord von Duisburg gaben sie diese Zurückhaltung auf. Forgione vermutet, es seien so große Interessen in Deutschland auf dem Spiel gestanden, dass die Mörder riskierten, international Aufsehen zu erregen. "Womöglich hat sich die ’Ndrangheta dabei verkalkuliert."
