19.02.2008 - Unterwelt unterwandert Staat

19.02.2008, Süddeutsche Zeitung.de
Mafia in Italien
Festnahme im Reich der Pizzini

Italiens Polizei verhaftet den Chef der Mafiaorganisation ‘Ndrangheta. Die kalabrische Unterwelt regierte Pasquale Condello mit Hilfe von Zetteln.
Von Stefan Ulrich

Romano Prodis Regierungszeit in Italien hat mit einem Schlag gegen die Cosa Nostra begonnen, und sie geht nun mit einem Hieb gegen die ‘Ndrangheta zu Ende. Am 11. April 2006, dem Tag nach Prodis Wahlsieg, nahm die Polizei Bernardo Provenzano, den Boss der Bosse der sizilianischen Cosa Nostra fest.

Jetzt gelang es den Carabinieri in Reggio Calabria, einen Mann zu fassen, den sie "Provenzano von Kalabrien" nennen: Der 57 Jahre alte Pasquale Condello gilt als wichtigster Führer der ‘Ndrangheta.

Er beherrscht nicht nur den mächtigsten Clan von Reggio, sondern wird auch von anderen Verbrecher-Familien der Region als "Supremo", als "Höchster", respektiert.

Die Regierung Prodi kann also stolz auf diesen erneuten Erfolg sein. "Das ist ein großer Tag für Kalabrien und für den Kampf gegen die Mafia", sagte Innenminister Giuliano Amato.

Die Fahnder suchten Condello seit zwei Jahrzehnten. Der Killer hatte seine "Karriere" als Chauffeur eines Bosses begonnen und sich dann nach oben gemordet.

Er gilt als Hauptfigur eines Mafia-Kriegs, der zwischen 1985 und 1991 Hunderte Menschen das Leben kostete. 1989 soll er den Mord am damaligen Chef der italienischen Staatseisenbahn in Auftrag gegeben haben.

Seitdem herrscht er im Geschäft mit dem Rauschgift, mit Erpressungen und illegaler Auftragsvergabe, etwa beim Bau von Wasserwerken.

Sein Einfluss soll bis nach Rom und Oberitalien reichen. Die Justiz verurteilte ihn in Abwesenheit zu vier Mal lebenslänglich.

"Alle gehen davon aus, dass Condello seit mindestens 15 Jahren der wichtigste Vertreter der ‘Ndrangheta ist", sagte der Carabinieri-General Giampaolo Ganzer.

Die Festnahme sei, wie im Falle Provenzano, einer Strategie der verbrannten Erde zu verdanken.

Die Fahnder observierten über Jahre das Umfeld Condellos, schnappten Gefolgsleute und beschlagnahmten sein Vermögen. Daher waren sie sich ihrer Sache ziemlich sicher, als sie am Montagabend zuschlugen.

Gegen 20 Uhr fuhren hundert Sondereinsatz-Leute der Carabinieri vor einem Wohnblock am südlichen Stadtrand Reggio Calabrias vor. Sie umstellten das Gebäude und stürmten die Wohnung.

Drinnen beriet sich Condello gerade mit drei Vertrauten. Er ergab sich sofort und wies auch seine Männer an, keinen Widerstand zu leisten.

Die Beamten waren beeindruckt vom Auftreten des elegant gekleideten Mannes mit den grauen Haaren und dem Schnurrbart. "Er hat wie ein traditioneller Boss der ‘Ndrangheta reagiert", beschrieb es General Ganzer. Gelassen, kühl, distanziert.

In der Wohnung fanden die Polizisten zahlreiche "Pizzini", Zettel voller verschlüsselter Botschaften, mit deren Hilfe Condello - wie Provenzano - sein Reich der Unterwelt regierte.

Allerdings soll der Kalabrese viel raffinierter vorgegangen sein als der Sizilianer. "Im Vergleich zu Condello war Provenzano ein Dilettant", urteilt ein Ermittler.

Die kalabrische ‘Ndrangheta gilt als gefährlichste Verbrecher-Organisation Italiens und als eines der mächtigsten Syndikate der Welt.

"Sie ist die potenteste und die unbekannteste Mafia", sagte vor kurzem der Chef der parlamentarischen Anti-Mafia-Kommission in Rom, Francesco Forgione.

Obwohl die ‘Ndrangheta international agiert, etwa im Drogenhandel zwischen Europa und Südamerika, sind ihre Bosse stark in der heimatlichen Erde verwurzelt.

Das zeigt sich nun wieder an Condello, der sich zu Hause in Reggio schnappen ließ.

Anders als die sizilianische Mafia war die ‘Ndrangheta bisher dezentral organisiert; die einzelnen Familien sprachen sich in der Regel nur lose ab, etwa bei ihren jährlichen Treffen im Marienheiligtum von Polsi in der schwer zugänglichen Bergwelt des Aspromonte.

Zuletzt schien sich aber eine Hierarchie herauszubilden, wie Staatsanwälte aus der kalabrischen Hauptstadt Catanzaro vor dem Parlament in Rom sagten.

Aus einer horizontalen werde eine vertikale Organisation, die sich stärker national und international ausrichte. Zugleich stelle die ‘Ndrangheta in Teilen Kalabriens die ganze Demokratie in Frage.

Die parlamentarische Anti-Mafia-Kommission will an diesem Mittwoch in Rom einen umfangreichen Bericht über die ‘Ndrangheta veröffentlichen.

Der Organisation ist es insbesondere gelungen, Teile der Politik und der Verwaltung in Süditalien zu unterwandern. In letzter Zeit schien der Staat aber Terrain zurückzugewinnen.

Die ‘Ndrangheta-Morde von Duisburg in diesem August ließen den Ermittlungsdruck auch in Kalabrien steigen. Die Polizei durchkämmte mehrfach die Mafia-Hochburg San Luca, entdeckte Verstecke, nahm Verdächtige fest.

Im Dezember schnappten die Fahnder zudem bei Cosenza etwa 40 ‘Ndrangheta-Mitglieder, darunter die Chefs zweier berüchtigter Clans. Vergangene Woche wurden erneut Dutzende Mafiosi inhaftiert. Darunter war auch der Tourismusminister der Region Kalabrien.

Piero Grasso, der oberste italienische Anti-Mafia-Staatsanwalt, sagte am Dienstag in Reggio: "Der Staat existiert in Kalabrien, und er macht sich bemerkbar."

Das ist vor allem ein Verdienst der langfristigen Arbeit mutiger Polizisten und Staatsanwälte, die dabei allerdings Rückendeckung aus Rom brauchen.

Es ist somit kein Zufall, wenn so viele große Erfolge in die kurze Amtszeit der scheidenden Regierung Prodi fallen.