05.02.2008 - Kenia: Korruption und Rückfall in eine bestialische Kultur
05.02.2008, SPIEGEL-online
KENIA
Die Logik der Rache
Von Thilo Thielke, Chebilat
Im Schatten der politischen Krise werden in Kenia alte Rechnungen beglichen. Während Regierung und Opposition ergebnislos streiten, nutzen andere das Machtvakuum für Vergeltungsfeldzüge. Und plötzlich sieht das Land aus wie jeder andere korrupte Staat in Afrika.
Chebilat - Die Frontlinie verläuft mitten durch das Örtchen Chebilat. Die Leute links im Dorf, heißt es, hätten mehrheitlich für Präsident Kibaki gestimmt und die rechts für Raila Odinga, den Oppositionsführer.
Die Frontlinie erkennt man an den Rauchwolken, die kilometerweit schon von dem Unglück künden, das über Chebilat hereingebrochen ist. Dann stößt der Reisende auf eine Straßensperre.
Heute kontrollieren die Kisii die Strecke. Sie schwenken Macheten und Keulen und winken mit Pfeil und Bogen.
Wie viele Tote diese archaischen Auseinandersetzungen bislang gefordert haben, ist nicht bekannt.
Ein tödlicher Kreislauf
"Wir kämpfen für die Gerechtigkeit", sagt Sheik Omar, ein bärtiger Alter, "man hat uns den Wahlsieg gestohlen, und nun wurde auch noch unser Abgeordneter David Too ermordet."
David Too, der nur wenige Tage zuvor in Eldoret erschossen worden war, gehörte ebenfalls zur Gruppe der Kipsegis.
Sein Wahlkreis liegt etwas weiter nördlich. Seit seinem Tod ist die Stimmung im Rift Valley explosiv. Die Kipsegis haben Rache geschworen. Sie sind in den Krieg gezogen.
Natürlich sagt Sheik Omar, die andere Seite hätte diese Auseinandersetzungen begonnen.
Natürlich behaupten die Kisii von der Straße das Gegenteil. Doch mittlerweile geht es kaum noch um das Verursacherprinzip.
Ein tödlicher Kreislauf ist in Gang gesetzt und hat, ähnlich wie auf dem Balkan, alte Konflikte wiederaufleben lassen.
Es herrscht das Prinzip der Blutrache, und es geht auch um Landbesitz.
Mit jeder vertriebenen Familie wächst der Besitz der Vertreiber – so die tödliche, doch kurzsichtige Logik hinter dem Gemetzel.
"Wir werden uns rächen"
Die Version des Kisii-Manns Jim geht so:
Die Kispegis hätten begonnen, die Kisii zu vertreiben, indem sie die Nachbarn überfallen und deren Häuser in Brand gesetzt hätten. Sie benutzten den politischen Konflikt lediglich als Vorwand. In Wahrheit sei es nämlich so, dass die Kipsegis vor langer Zeit, vielleicht in den sechziger oder siebziger Jahren, Land an die Kisii jenseits der Grenze verkauft hätten, und nun vertrieben sie kurzerhand die "Kibaki-Kisii", um ihr Land umsonst zurückzubekommen und es zum zweiten Mal verkaufen zu können.
In ihrer Haltung zu Präsident Kibaki seien die Kisii in Wirklichkeit gespalten. Von den zehn Abgeordneten, die die Kisii ins kenianische Parlament gewählt hätten, gehörten genau fünf der Opposition an und fünf der Regierung.
Kibakis Wahlfälschung hat einen Steppenbrand entfacht.
Natürlich: "Der Diebstahl einer Wahl hat keine Probleme geschaffen, wo früher keine waren", schreibt der peruanische Schriftsteller Alvaro Vargas Llosa in einem lesenswerten Essay für den britischen "Independent" ("A Crime Against All Africans") über Kenias Krise.
Doch "der kenianische Herrscher folgte der schlimmsten Tradition afrikanischer Politik der vergangenen fünfzig Jahre.
Nach dem Trauma des Kolonialismus hat ein afrikanischer Führer nach dem anderen eher tyrannische Kleptokratien eingeführt als die Herrschaft des Gesetzes".
Vargas trauriges Fazit: "Mit einem einzigen Streich hat Kibaki es geschafft, dass Kenia nicht besser aussieht als die meisten anderen korrupten und gewalttätigen afrikanischen Staaten."
