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30.07.2008 - Bilanz: Hundegesetz - Chaos

30.07.2008, Süddeutsche Zeitung
Haltung von Kampfhunden
An der langen Leine

Obwohl die Bundesländer ihre strengen Verordnungen loben, werden immer wieder Kinder Opfer von Kampfhunden.

Die gute Nachricht vorweg: Der dreijährige Junge, dem am Sonntag im niedersächsischen Celle ein Kampfhund das Gesicht zerbissen hat, schwebt nicht in Lebensgefahr. Er habe zwar laut geschrien, als die Ärzte am Abend zum ersten Mal seine Verbände gewechselt haben, sagte ein Sprecher der Medizinischen Hochschule Hannover am Montag der Süddeutschen Zeitung. Doch der Zustand des Kindes sei stabil. Es werde natürlich sein Leben lang eine Narbe behalten. Der Sprecher überlegt kurz, dann korrigiert er sich: "Narben."

Was war passiert? Ein dreijähriger Junge besucht mit Vater und Oma den Spielplatz, als ein - bis dahin angeblich völlig unauffälliger - Staffordshire Terrier den Kleinen ohne Grund anspringt und sich in seinen Kopf verbeißt. Eine furchtbare Geschichte. Genau wie die von dem zweijährigen Mädchen, das im niedersächsischen Ovelgönne von zwei Pitbulls so oft ins Gesicht und die Leistengegend gebissen wird, dass die Ärzte ihren kleinen Körper sieben Mal operieren müssen. Oder die von der Achtjährigen aus Wolfenbüttel, der eine Dogge das Gesicht und die Arme zerfleischt. Oder die von dem 16-Jährigen Magdeburger, der beim Fußballspielen auf dem Gehweg von einem Hund, vermutlich einem Pitbull, ins Gesicht gebissen wird. Oder die von der Elfjährigen aus Poing in Bayern ...

Es ist nur eine Auswahl. Diese und andere Hunde-Attacken haben sich in den vergangenen zwei Monaten in Deutschland ereignet. Wer regelmäßig in die Zeitung schaut, wundert sich fast, wenn er mal eine Woche lang nichts über Kampfhunde liest.

Hektik nach dem Todesfall
Dabei sollte eigentlich alles ganz anders kommen. Acht Jahre ist es her, dass der sechsjährige Volkan in Hamburg von zwei American Staffordshire Terriern totgebissen wurde. Damals überschlugen sich die Ereignisse: Die Innenminister verabredeten sich zur Telefonkonferenz, es folgte eine Kabinettssitzung, eine Aktuelle Stunde im Bundestag, und binnen kürzester Zeit gab es neue Hunde-Verordnungen. "Diese Entschlusskraft ist einmalig in der deutschen Nachkriegsgeschichte", lobte selbst das kritische ARD-Magazin "Panorama".

Acht Jahre später gibt es in Deutschland ein Tierschutzgesetz, das für alle gilt. Darüber hinaus herrscht ein Wirrwarr von Regeln, etwa zum Leinen- oder Maulkorbzwang. Mal gibt es einen Index für sogenannte Listenhunde, da finden sich dann Rassen wie Pitbull, Staffordshire, Mastiff, Dogo Argentino oder Tosa Inu wieder. Diese dürfen meist nur noch unter strengen Auflagen und gegen eine hohe Hundesteuer gehalten werden.

Anderswo gelten Hunde ab 40 Zentimeter Höhe und 20 Kilogramm Gewicht als potentiell gefährlich. In Hamburg, wo Volkan ums Leben kam, rühmt man sich seit einem Jahr für das "härteste Hundegesetz" der Republik. Den Vierbeinern werden fälschungssichere Mikrochips eingepflanzt, ihre Halter müssen sich im Hunderegister anmelden. Um vom Leinenzwang befreit zu werden, müssen beide, Hund und Herrchen, gemeinsam zur "Gehorsamkeitsprüfung". So weit, so streng.

Was die vielen verschiedenen Hundeverordnungen gebracht haben, weiß leider keiner so genau. Hunde sind Ländersache, erklärt ein Sprecher des Bundesinnenministeriums; eine bundesweite Auswertung der Angriffe auf Menschen gebe es nicht. Von den Ländern wiederum führen längst nicht alle Statistiken über ihre Beißattacken, beziehungsweise veröffentlichen sie diese nicht.

Wo das doch passiert, ist oft von "Erfolgsmeldungen" die Rede. Wie vergangene Woche in Berlin, als die Senatsverwaltung für Gesundheit mitteilte, dass die Zahl der Angriffe von gefährlichen Hunden im Vergleich der Jahre 1999 und 2007 um mehr als die Hälfte zurückgegangen sei. Vor neun Jahren seien noch 1816 Menschen von gefährlichen Hunden angesprungen oder verletzt worden. Vergangenes Jahr habe es nur noch 859 Fälle gegeben.

Fragt sich bloß, ob die Zahl 859 ein echter Erfolg ist - bei etwa 6000 angemeldeten Kampfhunden. Das sind immer noch mehr als zwei Angriffe pro Tag. Doch die Statistik ist wenig aussagekräftig: Die Frage ist, weshalb Menschen überhaupt Hunde halten dürfen, die trotz aller Vorsichtsmaßnahmen immer wieder austicken und Menschen töten oder, wie am Sonntag in Celle, für immer entstellen.

Nicht die Hunde sind gefährlich, sondern die Halter, sagen Mitglieder von Gruppen wie "Bullterrier in Not" oder "Schuldig geboren". Auf der Internetseite der "Kampfschmuser" fragt einer, ob es nicht auch sein könnte, "dass die Dackel im Verhältnis zu ihrer Anzahl die beißwütigsten wären!?" Mag sein. Aber ein Dackelbiss begleitet einen selten ein Leben lang.