22.09.2007 - Neues von Herrn Poggendorf Nr. 4

22.9.2007, Knut Mellenthin

Rund zwei Monate ist es nun schon wieder her, dass ein Bericht im Hamburger Abendblatt den Finanzskandal um Wolfgang Poggendorf und seine Gefolgsleute im Vorstand des Hamburger Tierschutzvereins ins Rollen brachte.

Inzwischen hat die noble Eigentumswohnung auf Sylt, die sich Herr P. vom Vorstand zum einmaligen Schnäppchenpreis von 111.000 Euro verkaufen ließ, einen neuen Käufer gefunden. Diesmal zu einem marktgerechten Preis von 250.000 Euro.

Betrug zu Lasten des Vereins und der ihm anvertrauten Tiere? Nein, schwört Herr P. jeden Eid.

Er habe im guten Glauben und reinen Herzens gehandelt. Schließlich hat er genau den Preis gezahlt, auf den die vom HTV-Vorstand beauftragte Expertin die Immobilie geschätzt hatte. Was kann denn Herr P. dafür, dass die Dame von ihrem Job anscheinend nicht viel Ahnung hat und sich bei der Schätzerei mal eben schnell um über 100 Prozent verhaut?

Und was kann er dafür, dass die Dame, deren Name in den Medien zumeist diskret verschwiegen wird, sich vielleicht auch bei ein paar anderen Immobilienverkäufen des HTV so grob verschätzt hat, als wäre sie eine blutige Anfängerin?

Herr P. kann nie für irgend etwas. Er rechnet einfach damit, dass alle Menschen, mit denen er zusammenarbeitet, ebenso kompetent, grundehrlich und sauber sind wie er selbst.

Der gute Mensch von der Süderstraße.

Übrigens, für ganz Neugierige, aber ohne Gewähr: In diesem Artikel des Hamburger Abendblatts

http://www.abendblatt.de/daten/2007/08/15/782527.html

wurde der Name der angeblich involvierten Immobilien-Sachverständigen genannt.

Der HTV-Vorstand handelt unterdessen weiter nach der Wallenstein-Devise „Vorwärts musst du, denn rückwärts kannst du nun nicht mehr.“

Weil Angriff die beste Verteidigung ist, klagt Herr P. in der demnächst erscheinenden Vereinszeitung „ich & du“ den Rechtsanwalt Friedrich Engelke und die ehemalige Vereinsvorsitzende Rita Spiering an.

In diesen beiden Personen soll die gesamte Opposition gegen den Vorstand getroffen, angeprangert, als durch und durch unglaubwürdig diskreditiert werden.

Engelke soll 1991 als Vorstandsmitglied und HTV-Vertreter in der Tierversuchskommission grausamen Experimenten mit Hundewelpen zugestimmt haben.

Und Frau Spiering soll in den 80er Jahren für die Tötung von mehreren Tausenden Katzen im Tierheim Süderstraße „verantwortlich“ gewesen sein.

„Jedes Jahr“ habe sie mehr als 2000 frei lebende Katzen einfangen und ins Tierheim schaffen lassen.

Dort seien sie dann „auf ihre Anweisung umgebracht worden“, schreibt Christian Kersting in der BILD vom 21. September auf der Vorzugsseite 3. Kersting scheint einer der wenigen Journalisten zu sein, denen Herr P. noch vertraut und die er gelegentlich vorab mit Exklusiv-Informationen versorgt.

Aber Herrn P.’s Vertrauen ist erfahrungsgemäß nicht ganz umsonst, es will erworben und gepflegt sein.

Kersting zitiert flammende Worte aus einer „HTV-Erklärung, die heute veröffentlicht wird“:

„Unter der Ägide von Rita S. hat sich jahrelang ein Massenmord an wehrlosen Tieren abgespielt. An ihren Händen klebt im wahrsten Sinne des Wortes Blut.“

„Erst 1998“ seien die Tötungen gestoppt worden, „als Poggendorf zum HTV kam und ihm die hohen Tötungszahlen auffielen“, gibt Kersting den weiteren Inhalt der Vorstandserklärung wieder.

Hier ist der BILD ein Fehler unterlaufen: Gemeint ist eindeutig 1988, als Herr P. beim HTV als Geschäftsführer eingestellt wurde.

Nicht erläutert wird, wie Frau Spiering, die zu jener Zeit dem Vorstand nur als einfaches Mitglied angehörte, auf eigene Faust, im Alleingang und anscheinend hinter dem Rücken des damaligen Vorsitzenden die Tötung von mehreren Tausenden Tieren anordnen konnte.

Unerklärt bleibt auch, warum der Heimtierarzt diesen tierschutzwidrigen Anordnungen Folge leistete, falls sie nicht vom gesamten Vorstand ausdrücklich gedeckt waren.

Und rätselhaft bleibt schließlich auch, warum angeblich allein im Jahr 1989 im Tierheim Süderstraße über 200 Hunde getötet wurden. Etwa auch „auf Anordnung“ von Frau Spiering?

Dass Herr P. heute den Eindruck suggeriert, er sei damals der katzenmordenden Spiering in den Arm gefallen und habe für ein Ende des „Massenmords an wehrlosen Tieren“ gesorgt, ist interessant.

Denn in einem Rechtsstreit, den der HTV-Vorstand im Jahr 1999 austrug, hatte Herr P. treuherzig, aber ganz bestimmt nicht wahrheitsgemäß versichert, ihm sei von diesen Massentötungen im Tierheim rein gar nichts bekannt.

Darf man sagen, dass er da bewusst und vorsätzlich gelogen hat? Oder muss man vorsichtigerweise in Rechnung stellen, dass er vielleicht einfach nur ein saumäßig schlechtes Gedächtnis hat?

Folgendes ereignete sich im Jahre 1999: Karin Roser, die von Herbst 1996 bis Herbst 1998 rund zwei Jahre lang dem HTV-Vorstand angehört hatte, äußerte sich am 21. April 1999 bei einem Treffen von ca. 25 ehrenamtlichen MitarbeiterInnen des HTV kritisch darüber, dass während der ersten Amtszeit von Herrn P. als Geschäftsführer (1988 bis 1991) im Tierheim Hunderte von Hunden und Katzen getötet worden seien.

Unter anderem behauptete sie, dass in der Süderstraße allein 1989 nachweislich 1.400 Katzen und 230 Hunde „eingeschläfert“ worden seien.

Am 13. Juli 1999 ließ Frau Roser durch ihre Rechtsanwältin präzisieren: Es seien genau 1.477 Katzen und 234 Hunde gewesen.

Diese Zahl ergibt sich nach ihrer eigenen Berechnung aus den von den Tierärzten Monat für Monat erstellten Listen über Neuaufnahmen, Vermittlungen, natürliche Todesfälle, Tötungen u.a.

Von der Existenz dieser Listen konnte ich mich im Jahr 2001 bei einem Gespräch mit Frau Roser und Frau Spiering selbst überzeugen.

Die Gesamtrechnung für 1989 habe ich nicht überprüft und kann zu dieser Zahl nicht Stellung nehmen.

Die von Frau Roser genannten Zahlen erscheinen mir aber angesichts der Monatslisten, die ich gesehen habe, realistisch.

Bereits am 8. April 1999 hatte das Hamburger Abendblatt berichtet, der Heimtierarzt Hansjürgen Neitzel habe Frau Spiering „schon 1994 vorgeworfen, sie habe Ende der 80er Jahre aus falsch verstandener Tierliebe Hunderte wilder Katzen einschläfern lassen“.

Wirklich neu war die von Frau Roser vorgetragene Geschichte also nicht.

Trotzdem schickte der HTV-Vorstand, dem Herr P. damals schon angehörte, vier Tage später, am 28. April 1999, ein strenges Schreiben, in dem Frau Roser aufgefordert wurde, „solche Äußerungen künftig zu unterlassen“.

Für die Abgabe einer entsprechenden Unterlassungserklärung wurde ihr von Hartmut Reclam, der als Anwalt gleichzeitig den Privatmenschen Wolfgang Poggendorf und den HTV-Vorstand vertrat (und wohl auch immer noch vertritt), eine Frist bis zum 7. Mai 1999 gesetzt.

Für Massentötungen im Tierheim gebe es „ebensowenig Anhaltspunkte wie dafür, dass der Geschäftsführer des HTV“ – also Herr P. – „von Tiertötungen in der von Ihnen genannten Größenordnung gewusst hätte“, schrieb Reclam in diesem Brief.

Auch das war offensichtlich nicht wahrheitsgemäß. Am 15. Juli 1999 teilte Reclam der Anwältin von Frau Roser mit, „dass dem jetzigen Vorstand, dem bekanntlich auch Herr Poggendorf angehört, nichts darüber bekannt ist, dass im Jahr 1989 1.477 Katzen und 234 Hunde eingeschläfert worden sein sollen (wobei die tatsächlichen Zahlen nicht so sehr im Vordergrund stehen wie die Behauptung an sich).“

Die Behauptung des Vorstands, von der massenhaften Tötung von Hunden und Katzen in der Vergangenheit nichts zu wissen, war zumindest für Vorstandsmitglied Wolfgang Poggendorf eindeutig falsch.

Er hat zu jener Zeit, in seiner ersten Amtszeit als HTV-Geschäftsführer, regelmäßig an den Vorstandssitzungen teilgenommen und war zumindest zeitweise sogar mit der Protokollführung beauftragt.

Aus den Vorstandsprotokollen geht hervor, dass die massenhafte Tötung von Hunden und Katzen mehrfach auf den Sitzungen besprochen wurde.

Außerdem verwahrte Herr P. zumindest im Herbst 1998 einen prall gefüllten Aktenordner in seinem Arbeitszimmer.

Dieser enthielt schockierende Stellungnahmen der Heimtierärzte, der Leiterin des Katzenhauses und zahlreicher anderer MitarbeiterInnen –teilweise meiner Erinnerung nach sogar Eidesstattliche Erklärungen - sowie Berichte, Briefwechsel, Dokumente und Fotos, die die angeblich von Frau Spiering befohlenen massenhaften Katzen-Tötungen in allen grausigen Einzelheiten darlegten.

Herr P. verfolgte anscheinend mit diesem erschütternden, schwer belastenden Material nur den Zweck, Frau Spiering permanent erpressbar zu halten und zur gegebenen Zeit ihren „freiwilligen“ Rücktritt zu erzwingen.

Dieser erfolgte schließlich am 29. März 1999.

Dass niemand von den übrigen Vorstandsmitgliedern den kompromittierenden Ordner jemals gesehen hat, ist unwahrscheinlich.

Außerdem durfte sich der Vorstand angesichts der schweren Vorwürfe von Frau Roser, auch wenn er für die tierschutzwidrigen Massentötungen der 90er Jahre nicht verantwortlich war, nicht einfach hinter bloßem Nichtwissen verstecken.

Der Sachverhalt war (und ist) ja anhand der Tierarzt-Listen und der Vorstandsprotokolle unschwer aufzuklären.

So aber bleibt der auf der Hand liegende Verdacht, dass der Vorstand nicht an Aufklärung, sondern nur an einer Schlammschlacht interessiert ist.

Übrigens bestritt Frau Spiering vor einigen Jahren im Gespräch mit mir weitgehend die Richtigkeit der Vorwürfe gegen sie.

Sachlich auf jeden Fall überzeugend scheint mir ihr Einwand, dass sie damals nicht etwa Erste Vorsitzende des HTV, sondern lediglich normales Vorstandsmitglied war, insofern also gar nicht die Macht gehabt habe, die massenhafte Tötung von Katzen und Hunden gegen den Willen des Heimtierarztes anzuordnen.

Eine wirkliche Aufklärung der Vorfälle, nicht mit halbwahren, unnachprüfbaren Schmutzgeschichten, sondern durch vollständige Offenlegung aller zur Sache gehörenden Akten und Fakten, ist jetzt dringend geboten.

Dafür steht der Vorstand in der Pflicht. Es sollte ihm nicht leicht gemacht werden, sich wieder einmal davonzustehlen und nur mit anklagendem Finger auf andere zu zeigen.